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    Streuobstwiesenretter Martin Schaarschmidt und Florian Schumacher: „Ein Obstbaum ist ein bisschen wie ein Mensch.“
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    Die Arbeit zur Erhaltung der Streuobstwiesen ist für Schumacher und Schaarschmidt längst zur Leidenschaft geworden.
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    Die Streuobstwiesenretter bringen ihnen nicht bekannte Obstsorten zu Experten, um sie bestimmen zu lassen. >>>
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    So mancher Bergsträßer Apfel hat sich dabei schon als echtes Unikat herausgestellt.
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    Streuobstwiesen sind historische Überbleibsel einer seit Jahrzehnten nicht mehr gepflegten Obstbaukultur. >>>
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    Dabei stellen sie, im Vergleich zu Obstplantagen, einen viel wertvolleren Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten dar.
27.08.2015|Bessermacher
Streuobstwiesenretter

Lebensraum erhalten

Streuobstwiesenretter – Streuobstwiesen prägen vielerorts das Landschaftsbild, sind wertvoller Lebensraum zahlreicher Tier- und Pflanzenarten – und werden oft nicht mehr richtig gepflegt. An der hessischen Bergstraße kümmern sich deshalb Ehrenamtliche um die Bäume.

Der Apfel ist schon fast reif. Florian Schumacher verzieht das Gesicht, nachdem er einen herzhaften Bissen genommen hat. „Noch ein, zwei Wochen, dann können wir ernten“, sagt er. Er und Martin Schaarschmidt von den Streuobstwiesenrettern an der hessischen Bergstraße haben gerade einen der alten Bäume am Wambolter Sand über Bensheim begutachtet. Das Wiesengelände dort wird seit vier Jahren von der Initiative gepflegt.

Die Stürme der vergangenen Woche waren stark genug, um die Bäume zu beuteln, gerade wenn die Äste schwer sind vom Obst. Diesmal ist es aber gut gegangen. „Ein Obstbaum ist ein bisschen wie ein Mensch“, sagt Schumacher (35) nur halb im Spaß. „Wenn er klein ist, muss man ihn viel pflegen und in die Baumschule geben, damit er gut wächst. Dann ,arbeitet‘ er viele Jahre und bringt Ertrag. Im hohen Alter braucht er wieder mehr Pflege, damit er nicht unter der Last der Früchte zusammenbricht.“

Überbleibsel einer nicht mehr gepflegten Obstbaukultur

Bensheim hat knapp 40.000 Einwohner, liegt in einer kleinen, mit wohlwollendem Klima gesegneten Weinbauregion. Die Streuobstwiesen mit dem hohen, wilden Gras und ihren knorrigen, alten Bäumen sind nur ein paar Autominuten von der Stadt entfernt. Ein Kleinod, das die Streuobstwiesenretter erhalten wollen. Wie der Name schon sagt sind sie mit einer Mission unterwegs: Es geht um Nachhaltigkeit, um Naturschutz und -bildung und darum, Interesse an der Tier- und Pflanzenwelt zu wecken.

Die Streuobstwiesen sind historische Überbleibsel einer seit Jahrzehnten nicht mehr gepflegten Obstbaukultur, wie Schaarschmidt (33) erklärt: „Die Streuobstwiesen wurden aus wirtschaftlichen Gründen angelegt und hatten kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wohl ihren Höhepunkt. Kirschen von der Bergstraße wurden ins Ruhrgebiet, sogar bis nach England exportiert.“ Dann kamen Spalierobst und Niederstammplantagen – leichter abzuernten und mit mehr Bäumen auf kleiner Fläche. Die Streuobstwiesen am Wambolter Sand wurden vermutlich rund 40 Jahre lang nicht mehr gepflegt.

Dabei stellen sie, im Vergleich zu Obstplantagen, einen viel wertvolleren Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten dar. „Spechte, Blindschleichen, Fledermäuse, selbst Steinkautze finden ein Zuhause“, sagt Schumacher. „Experten gehen davon aus, dass die Streuobstwiese mit bis zu 5000 Tier- und Pflanzensorten zu den artenreichsten Biotopen in Europa gehört.“

250 Unterstützer kümmern sich um die Obstbäume

In den vier Jahren, seit die Initiative als Teil des Naturschutzvereins im kleineren Nachbarort Einhausen gegründet wurde, haben die Streuobstwiesenretter sich regional und überregional vernetzt und stetig Zuwachs bekommen. 250 Unterstützer spenden, pflegen Bäume, ernten Obst, bauen Zäune oder schneiden Äste zurück. „Jeder kann sich so viel einbringen, wie er möchte“, erklärt Martin Schaarschmidt. Mitgliedschaften gibt es nicht, nur Arbeitseinsätze, an denen teilnimmt, wer möchte.

Gutes für die örtliche Natur tun, das geht bei den Streuobstwiesenrettern auch mit fertig geschnürten Paketen: Für 250 Euro kann jeder eine Baumpatenschaft übernehmen und einen Obstbaum auf der Wiese pflanzen. Wer möchte, wässert und schneidet ihn selbst – auf Wunsch auch mit Anleitung. Das Obst dürften die Baumpaten ernten.

Umweltbildung für Kinder und Jugendliche

Es geht aber noch um mehr als das Nachpflanzen von Bäumen: „Eins unserer Projekte ist der Sortenerhalt“, erklärt Schaarschmidt. Wo immer er und seine Mitstreiter eine ihnen nicht bekannte Obstsorte finden, bringen sie die Früchte zum Experten, um sie bestimmen zu lassen. So mancher Bergsträßer Apfel hat sich dabei schon als echtes Unikat herausgestellt. „Indem wir seltene Sorten nachzüchten und dann überall in der Region verpflanzen, können wir sie und die Sorten-Vielfalt an der Bergstraße erhalten.“ Jeder Baum wird kartiert, damit das Wissen erhalten bleibt.

Die Arbeit zur Erhaltung der Streuobstwiesen ist für Schumacher und Schaarschmidt längst zur Leidenschaft geworden. „Erst beschäftigt man sich mit Streuobstwiesen, dann mit Naturschutz im Allgemeinen, schließlich mit gesunder Ernährung“, schildert Schaarschmidt. „Da hängen so viele Themen dran.“

Für die Zukunft haben die Streuobstwiesenretter noch einiges vor. Zum Beispiel ist angedacht, in Kooperation mit dem Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald die Umweltbildung von Kindern und Jugendlichen weiter zu fördern. cel

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