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    Mezis-Aktivist Thomas Lindner
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    Das deutsche Gesundheitssystem begünstigt den Klüngel zwischen Ärzten und der Pharmaindustrie.
10.02.2015|Bessermacher
Ärztevereinigung Mezis

Die Unbestechlichen

Ärztevereinigung Mezis – Das deutsche Gesundheitssystem begünstigt den Klüngel zwischen Medizinern und Pharmaherstellern. 600 Ärzte verzichten auf die Geschenke der Industrie und bezahlen ihre Fortbildungen selbst. Dafür werden sie von ihren Kollegen oft angefeindet.

Ein Mousepad, auf dem der Name des Pharmaherstellers prangt. Kugelschreiber, Kalender, dann die vielen Hochglanz-Broschüren in fröhlichen Farben, von denen Kinder mit rosigen Wangen lächeln. Wenn der Mediziner Thomas Lindner, 65, gefragt wird, ob das einen gewissen Einfluss auf die Verschreibungspraxis von Ärzten hat, platzt die Antwort aus ihm geradezu heraus: „Natürlich hat es das, aber die Meisten wollen das nicht wahrhaben“, sagt er. Er nennt das Beispiel mit dem Mousepad: Täglich schaue der Arzt darauf, etwa wenn er Medikamente am Computer auswähle. „Das hat durchaus einen Effekt.“

Lindner ist Nierenfacharzt, seit 1998 führt er eine Praxis an einer Oberhavel-Klinik. Seine Praxis ist eine Durchlaufstation im positiven Sinne. Jeder seiner 50 nierenkranken Dauerpatienten kommt alle drei Tage vorbei, legt sich für mindestens vier Stunden auf die Liege neben dem Dialysegerät und lässt sich das Blut reinigen. Drei Ärzte, zehn Schwestern und zwei Sprechstundenhilfen arbeiten in Lindners Praxis.

„Man bot sogar Computer an“

Mindestens ein Pharmavertreter pro Tag meldete sich früher an der Rezeption an, um neue Produkte feilzubieten, Geschenke und Proben waren stets im Gepäck. „Als ich hier anfing, mich einzurichten, bot man mir sogar Computer an“, sagt Lindner. Ihm wurde immer unbehaglicher, schließlich verbot er den „wirklich sehr netten und sympathischen Verkäufern“ den Zutritt zu seiner Praxis, räumte die Reklame aus dem Wartezimmer und trat der unabhängigen Ärztevereinigung Mezis bei.

Mezis ist eine Abkürzung. Sie steht für „Mein Essen zahle ich selbst“. Es ist eine Vereinigung von Ärzten, die sich frei machen wollen von jedwedem Einfluss der Pharmabranche. 600 Mitglieder zählt der Verein inzwischen.

Fehler im System

Das Gesundheitssystem in Deutschland, mahnt Lindner, lade geradezu zur Kungelei zwischen Medizinern und Pharmaindustrie ein. Der Nierenfacharzt ist heute Vorstandsmitglied der Vereinigung Mezis. Er kennt nicht nur Manipulationsversuche der Industrie, sondern weiß auch, wo die Fehler im System liegen. Ärzte stehen in der Pflicht, sich regelmäßig neue Kenntnisse anzueignen. Zahlreiche Fortbildungspunkte müssen sie in einem Zeitraum von fünf Jahren nachweisen.

Neben dem Besuch von Kongressen und Wochenendseminaren nutzen viele die Besuche der Pharmavertreter, um sich zu informieren. Ein Fehler, findet Lindner: „Das ist so, als ob ich Bosch frage, warum meine Waschmaschine die beste ist.“ Hersteller machten in der Regel die Forschung und erklärten dann, warum ihr Produkt innovativ sei. „In Zeitenvon Stiftung Warentest und dem gestiegenen Ansehen der Verbraucherzentralen in der Bevölkerung hinken die Mediziner deutlich hinterher", sagt Lindner.

20 Millionen Besuche von Pharmavertretern pro Jahr

Schätzungen zufolge ziehen in Deutschland jährlich 15.000 Pharmavertreter mit Bauchläden voller Medikamente los und versuchen zu verkaufen – meistens auf Provision. Rund 20 Millionen Mal besuchen sie pro Jahr deutsche Praxen und Krankenhäuser. Hersteller lassen sich diese Tätigkeit einiges kosten: Zwischen 40.000 und 80.000 Euro Jahresgehalt bekommt ein Pharmavertreter.

Wäre die Tätigkeit der emsigen Mitarbeiter wirkungslos, würde wohl kaum eine Firma solche Summen investieren. Die Verkaufsprofis sind darauf geschult, sich emotional auf Ärzte einzulassen und sich freundschaftlich an sie zu binden. Man geht gemeinsam Golf spielen, plant Ausflüge, die Präsente reichen vom Kinder-T-Shirt über opulente Essenseinladungen bis zu Reisen.

Mezis drängt an Universitäten

Wissenschaftliche Untersuchungen in den USA und in Kanada haben nachgewiesen, wie sehr sich häufige Besuche inklusive Geschenk darauf auswirken, welche Arzneimittel ein Arzt verschreibt. Befragungen zeigen zudem: Viele Mediziner glauben, selbst urteilen zu können, welches das beste Medikament ist – trotz der Vorträge durch die Industrie.

Mezis drängt deshalb an die Universitäten. „Altgediente Mediziner denken wohl nicht mehr so schnell um. Wenn wir beim Nachwuchs ansetzen, können wir mehr erreichen“, hofft Lindner. An der Charité, im Reformstudiengang Medizin, wird seit Kurzem das Wahlpflichtfach „Advert Retard“ angeboten, das im Bereich „Medizin der Geschichte“ angesiedelt ist. Wie lese ich Studien, die die Industrie auf den Markt wirft? Welche Fachjournale sind unabhängig? Wo erhalte ich Fortbildungen, auf denen keine interessengeleiteten Informationen propagiert werden? Diese und andere Inhalte werden dort diskutiert, um das Reflexionsvermögen der Nachwuchsmediziner zu trainieren.

Nachwuchs muss reflektieren

Studenten lernen die Verkaufsstrategien der Pharmavertreter kennen und sie lernen, wie sie an objektive Informationen kommen. Auch in Leipzig zeigt man sich willens, die Lehre diesbezüglich zu verändern. Es sind angehende Ärzte, die sich dafür einsetzen, die den Input explizit wünschen. „Wir geben erst Ruhe, wenn solche Seminare nicht nur im Lehrangebot, sondern auch in der Prüfungsordnung verankert worden sind“, sagt Lindner.

Seit 2004 verlangt der Gesetzgeber, dass ärztliche Weiterbildung frei von wirtschaftlichen Interessen sein muss. In der Praxis aber, heißt es bei Mezis, seien Landesärztekammern oft überfordert. „Die Behörden kommen gar nicht hinterher, jedes einzelne Seminar zu prüfen“, sagt Lindner. „Eigentlich müssten Ärzte ihre Fortbildung selbst zahlen oder aber der Staat müsste dafür aufkommen, aber beides ist nicht durchsetzbar“, sagt Lindner. Der Regierung fehle das Geld, den meisten Ärzten der Idealismus.

Für sein Engagement wird Lindner oft angefeindet. „Herr Lindner, sind Sie denn nicht in der Lage, die Medizin selbst auszuwählen?“, wird er oft gefragt. Kürzlich schimpfte eine Kollegin, dass sie schon schlechte Laune kriege, wenn sie nur wieder irgendwo seinen Namen lese. Lindner geht trotzdem regelmäßig zu Stammtischen, auf denen Mediziner, gekaufte Experten und Pharmavertreter zusammentreffen. Er nutzt die Gelegenheit, um bei Vorträgen kritisch nachzuhaken und um „zu stänkern“. Essen und Getränke zahlt er dann demonstrativ selbst. ibr

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