Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzerklärung » OK
  • washabich02_GWEN_Magazine.jpg
    Die drei Gründer von washabich.de: Anja Bittner, Ansgar Jonietz und Johannes Bittner (von links)
22.10.2015|Bessermacher
washabich.de

Arzt – Deutsch, Deutsch – Arzt

washabich.de – Zu viel Fachchinesisch, zu wenig Zeit für Erklärungen: Viele Patienten verstehen nicht, was ihr Arzt diagnostiziert hat. Auf einem Onlineportal übersetzen Medizinstudenten unverständliche Befunde. Der große Andrang zeigt: Missverständnisse gibt‘s häufiger als gedacht.

Wenn die Ärzte von Rhinitis und Cephalgie sprechen, können Patienten oft nur erahnen, was ihnen fehlt. Bei Schnupfen und Kopfschmerzen, wie die Übersetzung dieser beiden Begriffe lautet, ist das weniger tragisch. Doch was, wenn Patienten Befunde erhalten, die eine Mitentscheidung bei den Therapiemöglichkeiten erfordern? Wenn es sich um eine lebensbedrohliche Krankheit handelt? Wenn dringend Beratungsbedarf besteht und Entscheidungen gefällt werden müssen?

Anja Bittner war Medizinstudentin, als ihr das Problem bewusst wurde. Eine Freundin hatte sie gebeten, den Befund ihrer Mutter zu übersetzen. Der Verdacht der Ärzte: Metastasen einer überwunden geglaubten Brustkrebs-Erkrankung. Anja Bittner nahm sich die Zeit, den Befund zu erläutern. Wenig später saß sie mit Kollegen zusammen und überlegte: Wo wäre diese Frau eigentlich hingegangen, wenn sie keine Mediziner im Freundeskreis gehabt hätte? Keiner von ihnen hatte eine Antwort darauf, so fiel der Entschluss, das zu ändern.

20.000 übersetzte Befunden in vier Jahren

Die Kommilitonen gründeten ein Webportal, mit dem Namen washabich.de. Anfangs bestand das Team nur aus zwei Medizinstudenten und einem Informatiker. Patienten sollten ihre Befunde online einreichen, die Medizinstudenten wollten sie übersetzen und erklären.

Vier Jahre ist das jetzt her. Seither können die „Dolmetscher“ eine beachtliche Bilanz vorweisen. Über 20.000 Befunde hat das Team in eine leicht verständliche Sprache übersetzt. Inzwischen sind sie bundesweit aufgestellt, mehr als 1100 Mediziner machen mit. Beraten wird das Team von rund 200 Ärzten und zwei Psychologen.

Stammkunden und Anekdoten

Patienten können auf der Website ihre Arztbriefe anonym hochladen oder per Fax senden. „Die meisten Anfragen kommen zu radiologischen Befunden“, stellt Bittner fest. Ansonsten ginge es querbeet durch alle Fachrichtungen. Besonders häufig meldeten sich 40- bis 60-Jährige. Sind Patienten noch älter, schicken oft Kinder oder Angehörige die Arztbriefe. Es gibt auch schon so etwas wie Stammkunden, die zu einem bestimmten „Dolmetscher“ eine gewisse Beziehung aufbauen und gezielt nach seinem Service fragen. „Sie berichten dann auch später, wie ihre Krankengeschichte ausgegangen ist“, sagt Bittner.

Auch die ein oder andere Anekdote gibt es inzwischen. Beispielsweise von dem Patient, der mit drei Jahren laut MRT-Bericht schon einen Bandscheibenvorfall erlitten hatte. Die jungen Ärzte rätselten: Welcher Patient in dem Alter erleidet bitte einen Bandscheibenvorfall? „Wir haben dann herausgefunden, dass es sich um einen Hund handelte“, sagt Bittner und lacht.

Der Fehler liegt im System

Patienten müssen für den Dienst übrigens nichts zahlen und können trotzdem auf eine unabhängige Erklärung zählen. Denn Sponsoren aus der Pharmaindustrie sind für das Team strikt tabu. Es gibt allerdings Kooperationen mit der Bertelsmann-Stiftung und diversen Universitäten, die von dem Erfolg der Gründer hörten und ähnliche Portale ins Leben rufen wollen.

„Es ist nicht immer die Schuld der Ärzte“, sagt Bitter, wenn sie erklären soll, warum so viele Patienten mit dem Ärztelatein so wenig anfangen können. Der Fehler, so Bittner, liege im System. Rund 7,6 Minuten haben Mediziner im Schnitt pro Patient. Kliniken richten sich immer ökonomischer aus, wodurch der Kostendruck steigt. In der Ausbildung werden Mediziner in spe zudem gezielt auf ein gewisses Fachlatein getrimmt. Das sei notwendig, da es im Klinikalltag während Behandlungen oder Operationen sehr präzise zugehen müsse, damit es nicht zu Fehlbehandlungen führt.

An der Hochschule fehlen allerdings Seminare, in denen Mediziner trainiert werden, Patienten komplexe Diagnosen so zu übersetzen, dass selbst Nichtakademiker sie verstehen. An der TU Dresden geben Bittner und Kollegen seit kurzem auch Seminare für Studenten, in dem sie von ihren Erfahrungen mit Patienten berichten und mit den Medizinern üben, Befunde besser verständlich zu machen. ibr

© 2014 - 2018 GWEN Magazine