Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzerklärung » OK
11.02.2016|Bücher
Rezension

Mangel im Überfluss

Rezension – In seinem Buch „Stadt, Land, Überfluss“ beschreibt Jörg Schindler die Maßlosigkeit, die sämtliche Lebensbereiche erfasst hat. Ihr stellt er die Geschichten von Menschen gegenüber, die durch den Verzicht glücklich geworden sind.

Auf den ersten Blick ist es gelinde gesagt ein wenig merkwürdig, dass Jörg Schindler seinem Buch, das die Leser zum Verzicht anregt, ausgerechnet ein Zitat von Uli Hoeneß voran gestellt hat: „Wir werden immer maßloser. Immer größere Autos, immer weiter fort in den Urlaub. Etwas mehr natürliche Bescheidenheit würde uns gut tun“, sagte ausgerechnet jeder Fußballfunktionär, der selbst nur an einem sparte: an den Steuern.

Doch bei genauerer Betrachtung ist das Zitat gut gewählt. Denn damit beginnt Schindler genau das, was er auf den folgenden 250 Seiten tut: Er stellt dem grassierenden Überfluss mit all seinen Perversionen und Absurditäten den Verzicht gegenüber.

Überfluss ist überall

Den Überfluss und die Maßlosigkeit hat Schindler in sämtlichen Lebensbereichen ausgemacht: beim Essen, in der Medizin, beim Arbeiten und auf Reisen, beim Sport, beim Einkaufen, bei der Kommunikation.

Überall haben wir mehr als wir eigentlich brauchen. Wir werfen Lebensmittel weg, die ohne weiteres genießbar wären. Wir rennen öfter zum Arzt als nötig und unterziehen uns riskanten Schönheitsoperationen, weil wir verlernt haben, natürliche Schönheit zu schätzen. Wir reisen in weit entfernte Länder, übernachten dort aber in den immer gleichen Hotels. Wir arbeiten viel mehr als gut für uns ist und verstopfen enge Innenstädte mit viel zu großen Autos. Wir haben Hunderte Freunde auf Facebook, sitzen aber letztlich allein vor dem Computer.

Mangel an Sinnhaftigkeit

Den materiellen Mangel gibt es in Europa und Nordamerika heute praktisch nicht mehr. Was uns heute fehlt, ist die Sinnhaftigkeit – und die Zufriedenheit. Es geht immer schneller, höher, weiter. Aber wohin führt das am Ende und was bringt es uns? Das fragen sich immer mehr Menschen und einige davon stellt Schindler in seinem Buch vor.

Da sind zum Beispiel die beiden Frauen, die in einer Berliner Markthalle mit großem Erfolg verbeultes, krummes Gemüse verkaufen. Der Banker aus Basel, der seinen gut bezahlten Job an den Nagel hing und jetzt Sozialarbeiter ist. Der Präsident eines Fußballvereins, der das schöne Spiel wieder in den Vordergrund rückt. Oder die Augsburger Sängerin, die ihr Facebook-Profil löschte, weil sie es satt hatte, tagtäglich mit Banalitäten und Nichtigkeiten bombardiert zu werden.

Unterhaltsame Gedächtnisstütze

All diese Menschen verzichten auf etwas, verlieren dadurch aber nichts. Sondern gewinnen ihre Freiheit zurück. Schindler erzählt ihre Geschichten nach und reichert sie mit allerhand Fakten an. Doch wer regelmäßig den „Spiegel“ und andere überregionale Magazine und Zeitungen liest, kennt und weiß vieles davon schon.

Für solche Leser ist „Stadt, Land, Überfluss“ nichts weiter als eine unterhaltsam geschriebene Gedächtnisstütze. Oder einfach überflüssig. Für alle anderen ist es eine lohnenswerte Lektüre. haw

© 2014 - 2019 GWEN Magazine