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08.10.2015|Bücher
Rezension

Hirnen ohne Fesseln

Rezension – Mehr leidenschaftliche Hobby-Forscher, weniger Eliteförderung? Die akademische Wissenschaft soll sich ein Beispiel an der ehrenamtlichen Bürgerwissenschaft nehmen. Das fordert der Sammelband „Frei Bürger, freie Forschung“, den Peter Finke herausgegeben hat.

Im Elfenbeinturm ist es nicht mehr besonders gemütlich: Wirtschaft, Politik und Bürokratie schnüren die Wissenschaft zunehmend ein. Der zermürbende Kampf um immer knappere Drittmittel, Stellen und Prestige demoliert das Ideal der reinen Wahrheitssuche. Das zahlende Publikum nervt die Spezialisten mit unangenehmen Fragen, etwa nach Sinn oder Nachhaltigkeit ihres esoterischen Treibens.

Als „verlockendes Gegenmodell der Freiheit und Lebensnähe“ empfiehlt Peter Finke die „lebendige Bürgerwissenschaft inmitten der Zivilgesellschaft“. Zur Einführung in dieses Thema hatte der Wissenschaftstheoretiker im Jahr 2014 das Buch „Citizen Science“ veröffentlicht. Jetzt hat er dazu Meinungsbeiträge von Mitstreitern zusammengetragen: 35 Forscher und Journalisten unterstützen seine Forderung nach einer „Forschungswende“, das heißt hin zu einer transdisziplinären, demokratischen Wissenschaft.

Nicht sehr tiefschürfend

Gegliedert ist der Sammelband in die beiden Teile „Die lebendige Bürgerwissenschaft“ und „Die akademische Wissenschaft“. Die einzelnen Beiträge scheren sich um diese Einteilung allerdings überhaupt nicht, sondern vereinen unisono Kritik am herrschenden Universitätsbetrieb mit Lobpreis für ehrenamtliche Wissenssucher und mehr oder weniger anarchische Bürgerinitiativen. Dass das sehr einseitig ist, räumt Finke selbst ein – er hält das aber für völlig in Ordnung, denn die Berufsexperten würden sonst „fast überall zu gut wegkommen“.

Die Statements sind jeweils fünf Seiten kurz, folglich nicht sehr tiefschürfend. Zum Teil sind es nette Grußworte von prominenten Professoren, zum Beispiel des Zoologen Josef Reichholf oder des Umwelthistorikers Joachim Radkau. Mehrfach bewerben Vertreter der Umweltorganisation BUND ihre wissenschaftlichen Arbeitskreise als vorbildlich für die gleichberechtigte Zusammenarbeit von Experten und interessierten Bürgern.

Zahlreiche Wiederholungen

Viele der Essays variieren einfach nur, was Finke unermüdlich predigt: Das Wissen der Laien müsse viel mehr gewürdigt werden; engagierte Bürger dürften nicht als bloße Datensammler für Profi-Projekte missbraucht werden – sie müssten auch bei der Auswahl der Forschungsthemen und überhaupt der Ausrichtung der Wissenschaft mitreden dürfen. Die zahlreichen Wiederholungen werden mit der Zeit etwas penetrant – fast wünscht man sich beim Lesen, es würde zur Abwechslung auch mal ein böser Atom-Lobbyist auftreten oder vielleicht ein Pharmakologe, der Tierversuche verteidigen würde.

Dass die häufigen Warnungen vor einer Einverleibung der Bürgerwissenschaft durch Profis und Politik durchaus berechtigt sind, belegt unbeabsichtigt ein Beitrag, in dem Norbert Steinhaus vom Wissenschaftsladen Bonn für den „Aktionsplan Wissenschaft und Gesellschaft“ der EU-Kommission schwärmt. Der normalen Menschen kaum verständliche Eurokraten-Jargon hat bereits deutlich abgefärbt („grand challenges“); und die naheliegende Frage, ob neue, staatlich geförderte „Wissenschaftsläden“ in Zypern, Irland und anderswo vielleicht bloß dem Abgreifen von EU-Geldern dienen, wird gar nicht erst gestellt.

Für jeden etwas Interessantes dabei

Beim Speed-Dating mit so vielen Autoren aus ganz unterschiedlichen Wissens- und Lebensbereichen sollte für jeden etwas Interessantes dabei sein. Der Journalist Manfred Ronzheimer zum Beispiel berichtet, dass es in Deutschland mehr als 10.000 Angestellte gibt, die PR für wissenschaftliche Einrichtungen machen, aber kaum kritische Wissenschaftsjournalisten. Der Neurobiologe Konrad Lehmann legt überzeugend dar, warum an den heutigen Universitäten bestimmt kein Platz für „große Ideen“ ist. Der Historiker Dominik Mahr erinnert an den Erfolg von Laien in der Vogelkunde – und an das Scheitern von Geschichtsamateuren in der Limes-Forschung. Den Hacker-Künstler padeluun hätte man in diesem Buch vielleicht ebenso wenig erwartet wie die Schwarzwälder Strom-Rebellin Ursula Sladek.

Wer ausführliche Informationen zur Bürgerwissenschaft sucht, ist mit dem Buch „Citizen Science“ besser bedient. Wer sich aber einen raschen Überblick zu den Argumenten verschaffen möchte, die dafür sprechen, findet in dem Sammelband „Freie Bürger Freie Forschung“ zahlreiche Anregungen. mte

Peter Finke (Hrsg.):
Freie Bürger, freie Forschung
Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeinturm
Oekom Verlag, München 2015
ISBN 9783865817105
220 Seiten, 19,95 EUR

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