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    Pflanzen statt Putz: Der neue Petitionssaal der Deutschsprachigen Gemeinschaft im belgischen Eupen ist rundum begrünt.
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    Das in Eupen eingesetzte Optigrün-System kommt ohne Bodenanschluss aus, jede Pflanze verfügt über ihr eigenes Substrat und wurde vor dem Einbau vorkultiviert.
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    Insgesamt 653 Quadratmeter Grün wächst an und auf dem Petitionssaal in Eupen. Die Architekten sprechen von einem „Landschaftsobjekt“.
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    Auch ein Parkhaus lässt sich begrünen. Die Woehr GmbH hat zum Beispiel ein Konzept entwickelt, um die Fassade eines Park-Turms mit Philodendron zu bepflanzen.
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    Es sind eigentlich zwei: Der tägliche Bewässerungsbedarf der beiden Mailänder Wohntürme liegt bei 19 bis 21 Kubikmeter – entnommen aus einem lokalen Grundwassserbrunnen. Insgesamt 730 Bäume wachsen auf den auskragenden Balkonen.
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    Jean Nouvel holte für sein Projekt „One Central Park“ in Sydney den französischen Grünpionier Patrick Blanc ins Team.
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    Die Firma Vertiko hat sich auf die Gestaltung vertikaler Grünflächen in urbanen Räumem spezialisiert.
21.04.2015|Wohnen + Leben
Fassadenbegrünung

Vertikale Wälder

Fassadenbegrünung – Kletterpflanzen sind passé, die neue Fassadenbegrünung besteht aus Wiesen, Sträuchern oder gar Wäldern. Das erfreut das Auge und tut dem urbanen Klima gut. Sogar Hochhäuser werden so zu blühenden Landschaften.

Nein, die Begrünung von Fassaden ist wahrlich nicht neu: Seit Jahrhunderten ranken sich Efeu oder Wein an Hauswänden nach oben und geben ihnen ein mitunter märchenhaftes Antlitz. Doch hinterlässt dieses Grün seine Spuren an der Fassade: Mindestens in Form kleiner Haftpunkte, mitunter aber auch als Wurzeln, die sprengend in Spalten, Fugen oder Risse eindringen.

Kein Wunder also, dass grüne Fassaden ein Nischenthema sind. Oder besser: waren. Denn eine neue Art des Grüns sorgt international für Aufsehen: Jenes, das aus vertikal montierten Pflanztrögen direkt an der Hausfläche wächst.

Dämmende Grünschicht

Das neue Grün ist nicht nur schön anzusehen und erlaubt durch Variation der Pflanzen ganz neue, jahreszeitlich sich selbst verändernde Gestaltungen, es ist auch funktional höchst interessant: Die vor dem Mauerwerk emporwachsende Grünschicht dämmt das Gebäude – im Winter bremst sie den Wärmeverlust und im Sommer die Aufheizung des Gebäudes wie auch der Umgebung. Diesen Effekt bewirkt die sogenannte Verdunstungskälte: Geht Wasser in den gasförmigen Zustand über, entzieht es die dafür notwendige Energie der Umgebung, die dadurch abkühlt.

Beim Wiener Abfallamt, an dessen sechsstöckigem Hauptgebäude bereits seit 2010 rund 16.000 Kräuter, Stauden und Gräser gedeihen, verdunsten an einem heißen Sommertag rund 1800 Liter Wasser. Das entspricht in etwa der Verdunstungsleistung von vier Buchen. Infrarotbilder zeigen den Effekt: An einem sonnigen Tag mit einer Lufttemperatur von 25 Grad heizt sich die Oberfläche der Nachbarfassade schnell auf 40 Grad auf, während die begrünte Fassade lediglich 28 Grad erreicht.

Gut für das Stadtklima

Dieser Kühlungseffekt ist nicht nur für das Gebäude darunter gut, sondern auch für die tendenziell immer heißeren Städte. Das gilt nicht nur für die wuchernden Megacitys in tropischen Klimazonen. Auch hierzulande rechnen Stadtplaner mit heißeren Sommern und Hitzestaus. Gezielt platzierte Grünwände oder grüne Fassaden können das Mikroklima auf elegante und ressourcenschonende Weise stabilisieren. Mehr noch: Sie binden Kohlenstoffdioxid, produzieren Sauerstoff, wirken als Feinstaubfilter und Schallschutz.

Dass das neue Grün auch für den großen Maßstab taugt, zeigt Patrick Blanc, Pionier der grünen Fassade. Den 116 Meter hohen Wohnturm „One Central Park“, den der französische Architekt Jean Nouvel in Sydney errichten ließ, stattete Blanc mit 250 unterschiedlichen australischen Pflanzensorten aus – über die komplette Gebäudehöhe.

Spezielle Fassadenelemente

Deutlich kleiner hingegen ist der ebenfalls 2013 fertiggestellte Neubau des Petitionssaales für das Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft im belgischen Eupen. Die Architekten des Rotterdamer Ateliers Kempe Thill platzierten einen einfachen Betonkubus neben das historische Gebäude und ließen ihn rundum bepflanzen – in der Summe 653 Quadratmeter.

Während das Dach mit konventioneller Begrünung mit fünf Zentimetern Aufbauhöhe realisiert wurde, wächst das Fassadengrün in speziellen, 60 mal 100 Zentimeter großen Fassadenelementen, die der gedämmten Betonhülle vorgehängt sind. Diese Elemente bestehen aus einem Aluminium-Paneel mit Rinne und 25 Öffnungen für Pflanzen, die in der substratgefüllten Kassette darunter wurzeln.

Zu diesem von der Dachbegrünungsfirma Optigrün entwickelten System gehören auch thermisch getrennte Unterbau-Profile, in die die Grünelemente eingehängt werden und die für entsprechende Lasten ausgelegt sind. Wichtig: Das Mauerwerk darunter muss mindestens 120 Kilo pro Quadratmeter tragen können.

Automatische Bewässerung

Wie jedes Grün benötigt auch die vertikale Wiese regelmäßige Pflege, dazu Wasser und Nährstoffe. Beides lässt sich natürlich nicht einfach mit der Gießkanne verteilen und auch nicht aus dem natürlichen Regen beziehen.

In Eupen übernimmt dies ein automatisches Bewässerungssystem mit integrierter Nährstoffversorgung: Feuchtefühler im Substrat messen den Bedarf, ein Rechner gibt dann die Wasserzufuhr über Tropfschläuche frei. Auch beim Abfallamt in Wien wird so bewässert, wobei die Pflanzen in Metalltrögen mit Tongranulat-Füllung gedeihen. Wichtig ist in jedem Fall ein Vlies, das starke Temperaturschwankungen puffert und Wasser vor Ort speichern kann.

Der Wald kommt zum Haus

Gleich einen ganzen Hektar Wald integriert das Mailänder Hochhaus-Duo „Bosco Verticale“. Die beiden 80 und 112 Meter hohen Wohntürme auf einer Industriebrache versammeln auf ihren auskragenden Balkonen insgesamt 730 unterschiedlich große Bäume, 5000 Büsche sowie 11.000 weitere Pflanzen. Die bis zu neun Meter hoch wachsenden Bäume befinden sich in nur ein Meter tiefen Pflanztrögen mit Spezialsubstrat. Um die Windlasten dennoch aufnehmen zu können, sind die Bäume über Stahlseile abgespannt.

Professionelle Grünpfleger übernehmen die regelmäßige Kontrolle und Wartung der Pflanzen sowie der Versorgungssysteme. Das Wasser stammt übrigens aus lokalen Brunnen, denn seit dem Ende der industriellen Nutzung des Geländes steigt der Grundwasserspiegel dort langsam wieder an. Das entnommene Wasser wird aufbereitet, in das Versorgungsnetz eingeleitet und der Rücklauf durch Wärmetauscher geschickt, bevor er über Sickerschächte wieder in den Grund zurück geht. Während der Bewässerungszeit von März bis Oktober entsteht ein Wasserbedarf von maximal 1975 Kubikmetern beim kleineren und 3708 Kubikmetern beim großen Turm.

Professionelle Planung

Die drei Beispiele aus Wien, Eupen und Mailand zeigen ein enormes Potenzial für das Mikroklima in den immer dichteren, grünärmeren und heißeren Städten. Allerdings funktioniert dies alles nur mit professioneller Planung und Betreuung. Und trotz der weitgehenden Automatisierung der Bewässerung bleibt die Grünfassade – wie ein Garten auch – ein beständiges Arbeitsfeld. Denn nicht nur nach harten Wintern müssen einzelne Pflanzen erneuert werden.

Eine ganz pragmatische Frage bleibt für unsere Breitengrade: Wie lässt sich der Wasserbedarf in trockenen Wintern mit dem notwendigen Frostschutz des Bewässerungssystems verknüpfen? Und: Man sollte nicht gerade Insektenphobiker sein, schließlich dürfte das Grün nicht nur nette Bienen anlocken. as

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