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    Die Nesseln vom Hüttwilersee
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    Die Bohinger Nesseln
10.01.2019|Wohnen + Leben
Alternative Gewebe

Seidenweiche Marlene

Alternative Gewebe – Brennnessel-Fasern sind eine umweltfreundliche Alternative zu Baumwolle und Plastik. Bis zum kommerziellen Erfolg ist aber noch ein langer Weg.

„Es ist bitter“, stöhnt Werner Moser: „Flachs hätten wir, aber da gähnen die Kunden nur. Die abgefahrene Brennnessel will jeder – das Projekt kommt aber leider nur langsam voran.“ Moser ist Verkaufsdirektor bei Mattes & Ammann in Meßstetten-Tieringen. Dort werden zum Beispiel Autohimmel, Sitzbezüge für ICE-Züge und Matratzenstoffe gefertigt. Schon seit Jahren sucht die Firma nach natürlichen Rohstoffen für ihre Textilien. Baumwoll-Früchte liefern zwar Fasern frei Haus, sie müssen nur gepflückt, gesäubert und ausgesponnen werden. Der Baumwoll-Anbau verbraucht aber extrem viel Wasser und Pestizide – ganze Länder werden dafür verwüstet. 

„Unser erster Gedanke war Flachs“, berichtet Moser: „In Nordfrankreich und Belgien wird diese alte Kulturpflanze noch angebaut. Aber zu Leinen fällt allen nur ein: 'knittrig, kratzig, muss man bügeln'. Technisch gangbar, aber leider nicht zu verkaufen.“ Es folgten Experimente mit Bananen, Ananas und Kokosfasern. Vielleicht auch Hanf? „Das ist nichts für uns Textiler“, wehrt Moser ab: „Die Faserstruktur ist zu grob – noch kratziger als Lein. Das Cannabis-Image passt auch nicht zu unserem über 65 Jahre alten Unternehmen.“ Schließlich kam Mattes & Ammann auf die Brennnessel: „Eine der edelsten und feinsten Naturfasern. Da fühlen wir uns jetzt wohl.“

 

Brennnessel wird schon lange verarbeitet

Seit Urzeiten wurden Brennnesseln immer wieder zu Gewändern, Segeln und anderen Textilien verarbeitet. Bei jeder Baumwoll-Knappheit weckten die wehrhaften Gewächse neue Fantasien. Im Ersten Weltkrieg warb zum Beispiel in Stuttgart der "Württembergische Verein für Nesselanbau". Im Zweiten Weltkrieg züchtete der Botaniker Gustav Bredemann in Hamburg Brennnesseln, die zu Uniformen verarbeitet wurden. Auf der Suche nach umweltfreundlicheren Stoffen wurden Bredemanns Sorten in den 1990er Jahren wiederentdeckt und ihr Faser-Anteil von 4 auf mittlerweile 15 Prozent gesteigert.

Brennnesseln leiden im Frühjahr unter Unkraut, sind ansonsten aber robust, brauchen wenig Dünger und schützen sich ohne Pestizide selbst gegen Schädlinge. Ihre Fasern sind leicht und reißfest; sie nehmen schnell Feuchtigkeit, aber nur widerwillig Schmutz auf; sie sind gut zu färben und weich auf der Haut; das Garn ist cremeweiß und glänzt wie Seide. Trotz dieser Vorteile gelang der kommerzielle Durchbruch bislang nicht. Vor rund zehn Jahren scheiterte im Schwarzwald die Stoffkontor Kranz AG, die in Schönau Hemden, Jeans und Bettwäsche aus Brennnesseln gefertigt hatte. Bald darauf gab auch die holländische Firma Brennels auf; an ihre Plantagen bei Amsterdam erinnert noch der Campingplatz „Netl Park“.

 

Eine Nessel namens Marlene

Mattes & Ammann will sich davon nicht entmutigen lassen. Seit 2012 wird die Fasernessel „Marlene“ auf Testfeldern angepflanzt: 1 Hektar in Tieringen auf der Schwäbischen Alb, knapp 10 Hektar im wärmeren Ungarn. „Um an die Fasern ranzukommen, haben wir eigene Handarbeitsstände entwickelt und zum Patent angemeldet“, sagt Werner Moser stolz. Die erste Ernte ergab 400 Quadratmeter Gestrick. Daraus machte die Düsseldorfer Modegestalterin Gesine Jostvielbeachtete Pullover, Röcke und Jacken. 

„Mit der Ernte 2015 waren wir auch ganz glücklich – sie fiel aber dem Brand einer benachbarten Autowerkstatt zum Opfer“, bedauert Moser. „Mittlerweile haben wir die ersten Rollen Meterware für Muster-Stoffe erzeugt. Soll sich das Ganze rechnen, müssten mindestens 10.000 Hektar Brennnesseln angebaut werden. Leider haben wir aber noch keinen großen Kunden gefunden, der uns dafür die Abnahme garantiert.“

„Es ist unheimlich schwierig, das im industriellen Maßstab zu schaffen“, erläutert Moser: „In Europa ist die Textilindustrie verloren gegangen. Wir müssen die Anlagetechnik erst wieder aufbauen.“ Dazu kommt, dass der Faser-Anteil bei Brennnesseln immer noch zu gering ist, um allein mit Textilien auf einen grünen Zweig zu kommen: „Das ist nur sinnvoll, wenn die ganze Pflanze verwertet wird. Zum Beispiel auch Vlies aus den kurzen Fasern, Brennstoff-Pellets aus dem Holz-Anteil, Tee aus den Blättern, Verstärkung für Kunststoffe, Medikamente, Tier-Einstreu, Pflanzendünger... Das sind alles Industrien, die man dazu haben müsste.“ Wenn die Brennnessel groß rauskommen soll, braucht es rundherum ein ganzes Ökosystem. Martin Ebner

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