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    Rizinus Pflanze aus dem botanischen Garten in Zürich
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    Rizinus Pflanze aus dem botanischen Garten in Zürich
23.01.2019|Wohnen + Leben
Grüner Kunststoff

Plastik vom Wunderbaum

Grüner Kunststoff – Rizinusöl wird zu verschiedenen Kunststoff-Sorten verarbeitet. Geerntet werden Rizinussamen vor allem in Indien.

Was soll man mit einem schwabbeligen goldbraunen Klumpen anfangen? Das verrät kein Lehrplan. Schulkinder mögen diesen Versuch wohl trotzdem: Man gebe in einen Becher 10 Gramm Rizinusöl und 4,5 Gramm Citronensäure. Die Mischung erhitze man etwa zehn Minuten lang bei 200 Grad über einem Bunsenbrenner, bis sich ein zäher Schaum bildet. Abkühlen lassen und fertig ist das weiche, klebrige Kunstharz: Polyester selbst gemacht.

 

Etablierte Nischenprodukte

Für die Chemie-Industrie sind Kunststoffe aus dem Öl des Wunderbaums kein Experiment mehr, sondern etablierte Nischenprodukte, sagt Evelyn Naudorf, eine Sprecherin der BASF: „Rizinusöl wird eingesetzt, wenn bestimmte chemische Verbindungen auf Basis von Erdöl nicht möglich oder sinnvoll sind. Außerdem können Kunden damit in bestimmten Anwendungen nachwachsende Rohstoffe verwenden.“ Rizinusöl ist teurer als Palm- oder Rapsöl, aber ungewöhnlich homogen zusammengesetzt und daher gut für chemische Synthesen geeignet. 

Die BASF hatte schon vor über 50 Jahren Plastik produziert aus Sebacinsäure, die aus dem Öl von Rizinussamen durch Erhitzen mit Natriumhydroxid oder mit Salpetersäure gewonnen wird. Seit 2007 verkauft der Konzern erneut verschiedene Rizinus-Kunststoffe. Konkurrenz machen der BASF dabei andere Hersteller, zum Beispiel Arkema, DSM und DuPont. Ganz oder teilweise aus Rizinusöl werden Polyamide und Polyurethane gefertigt; anderen Kunststoff-Sorten wird Rizinus als Weichmacher beigemischt. 

Polyamid, vulgo „Nylon“, kann zum Beispiel zu Textilien verarbeitet werden. Evonik etwa fertigt aus Rizinusöl Kunstfasern für Sportbekleidung. Biologisch abbaubar sind diese „grünen“ Polyamide nicht. Es wäre auch kaum sinnvoll, wenn sich Borsten von Zahnbürsten, Brillengestelle, Schuhsohlen oder Katheter auflösen würden. Besonders haltbar sollten Fischer-Dübel sein, erst recht aber Kraftstoff-Leitungen und Bremsschläuche für LKWs oder auch die Motorabdeckungen für die A-Klasse von Mercedes. Die Firma Ziehl-Abegg in Künzelsau produziert Ventilatoren aus glasfaserverstärkten Rizinus-Polyamiden. 

Polyurethan wird aus Isocyanaten und Polyolen hergestellt. Polyole wiederum können aus Rizinus gewonnen werden. Wunderbaum-Polyurethan steckt zum Beispiel in Wineo-Bodenbelägen und Vorwerk-Teppichen, die besonders Krankenhäusern und Kindergärten angeboten werden, weil dort keine Weichmacher ausdünsten sollten. Gebraucht wird dieser Kunststoff auch für Matratzen- und Autositz-Schaumstoffe, für Gießharze, Abdichtungen, Tankbeschichtungen und Klebstoffe. Die Firma Wataaah in Weil der Stadt macht daraus Griffe und Tritte für Kletterwände.

 

Rizinus wächst auch auf kargen Böden

„Es gibt grob vereinfacht drei Qualitätsstufen“, erläutert Andreas Schwarz vom Stuttgarter Handelsunternehmen Gustav Heess die Feinheiten des Rohstoffs: „Das für Medizin und Kosmetik genutzte native Rizinusöl darf bei seiner Gewinnung nicht über 48 Grad erwärmt werden und wird vor der Abfüllung nur filtriert. Beim Kaltpressen ist die Ausbeute gering. Heißpressung in Schneckenpressen ergibt mehr Öl, das aber raffiniert werden muss. Der Pressrückstand enthält dann auch noch Öl, das mit Hexan oder Heptan extrahiert wird. Für Kunststoffe wird technisches Rizinusöl eingesetzt, das die geringsten chemischen Anforderungen erfüllen muss und native, raffinierte und extrahierte Anteile enthalten kann.“

Rizinus ist kein Nahrungs- oder Futtermittel und wächst auch auf kargen, sogar salzigen Böden. Ein ökologischer Nachteil sind allerdings die langen Transportwege: Seit die einzige deutsche Mühle dafür aufgegeben hat, wird Rizinusöl in Europa nicht mehr hergestellt. Da Brasilien sein Rizinusöl zu Biodiesel verarbeitet, obwohl es dafür nicht so gut geeignet ist, und China nur für den Eigenbedarf produziert, bedienen vor allem indische Firmen wie Jayant Agro-Organics den Weltmarkt. Gut zwei Drittel allen verkauften Rizinusöls kommen derzeit aus der indischen Provinz Gujarat. Da die Nachfrage steigt, wird das allerdings kaum so bleiben. Zumindest ein arabischer Sultan will Bio-Ölscheich werden und lässt Wunderbäume anpflanzen: Im Oman geht gerade eine große Fabrik in Betrieb, die Rizinus zu Sebacinsäure für Kunststoffe verarbeiten soll. Martin Ebner

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