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    Mit spektakulären Werbekampagnen macht TransferWise von sich reden, so wie hier in London.
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    Die britische Hauptstadt ist ein besonders fruchtbarer Boden für den alternativen Geldtransfer.
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    In den vergangenen Jahren ist in London eine ganze Reihe von Internet-Plattformen für Tausch und Versand von Devisen entstanden.
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    Die beiden Esten Kristo Käärmann und Taavet Hinrikus gründeten TransferWise, weil ihnen die Gebühren, die konventionelle Wechselstuben erheben, zu hoch waren.
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    Wechselstube in Odessa, Ukraine: Rund um die Welt treten Peer-to-Peer-Vermittler gegen Banken und andere etablierte Finanzdienstleister an.
20.10.2015|Wohnen + Leben
Geldüberweisung

Nie wieder Wechselstuben

Geldüberweisung − TransferWise und andere Online-Dienste wollen Geldwechsel und Geldtransfer revolutionieren. Von niedrigeren Gebühren würden vor allem Menschen in Entwicklungsländern profitieren.

Laura kommt in Paris am Bahnhof an. Für 65 englische Pfund kauft sie in einer Wechselstube Euros – und verliert dabei auf einen Schlag satte zehn Pfund. Nein, halt! Laura zückt einfach ihr Smartphone, schaut nach, wer in der Umgebung gerade Pfund wechseln will – und trifft sich dann in einem Café mit Pierre. Der erspart Laura die Wechselgebühr. Pierre ist überhaupt sehr nett in dem Werbevideo für die französische Gratis-App Weeleo. Bei diesem Online-Treffpunkt für Bargeld-Tauscher liegt das Risiko ganz bei den Nutzern, aber wenn man sich sein Bett über Couchsurfing sucht und mit Uber fährt, kommt es da wohl auch nicht mehr darauf an. Warum sollte Pierre weniger glaubwürdig sein als irgendein Banker?

Seit die Menschheit ins Internet umzieht und an Mobiltelefonen herumfingert, liegt die Idee in der Luft, bei Geldwechsel und internationalen Überweisungen teure Zwischenhändler auszuschalten. Wer zahlt schon gerne für einen simplen Tausch zehn Prozent oder gar noch mehr Gebühren? Und im Devisenhandel lockt ein riesiger Markt: Pro Tag wird dort ein Volumen von mehr als 5 Billionen US-Dollar umgeschlagen.

Rund um die Welt treten Peer-to-Peer-Vermittler gegen Banken und andere etablierte Finanzdienstleister an: zum Beispiel Midpoint aus den USA, KlickEx aus Neuseeland, MoneySwap aus Hong Kong und CurrencyFair aus Irland. Sie wachsen rasch und bewegen nach eigenen Angaben bereits Milliardenbeträge. In ihrer Reklame präsentieren sie sich alle als schnell und sicher, super-billig und „social“. Versprochen werden jeweils transparente Abrechnungen und Wechselkurse nahe am offiziellen Devisenmittelkurs.

Überweisen so billig wie telefonieren

Ein besonders fruchtbarer Boden für alternativen Geldtransfer ist das Finanz- und Expat-Zentrum London. In den vergangenen Jahren ist dort eine ganze Reihe von Internet-Plattformen für Tausch und Versand von Devisen entstanden: TransferGo wurde von litauischen Studenten gegründet, die störte, dass von den Zuwendungen ihrer Eltern so wenig in London ankam. Die Überweisungs-App Moni haben Nigerianer entwickelt, die billiger Geld nach Hause senden wollten. Payza ist eine Tochter der Prepaid-Karten-Firma MH Pillars. WeSwap ist mit einer Prepaid-Mastercard kombiniert und soll vor allem Touristen ansprechen. Mit Azimo können zum Beispiel Gastarbeiter und Auswanderer kleinere Beträge in mehr als 190 Länder schicken. Kantox dagegen ist für kleine und mittlere Unternehmen gedacht, die 10.000 Euro oder mehr ins Ausland überweisen wollen.
Am meisten Aufsehen erregt derzeit aber TransferWise: Prominente Investoren und spektakuläre Werbekampagnen, bei denen schon mal Dutzende Skelette durch London marschieren und „überhöhte Bankgebühren“ zu Grabe tragen.

Die Gründungsgeschichte von TransferWise geht so: Im Jahr 2006 arbeiten zwei Esten in London. Taavet Hinrikus ist einer der ersten Angestellten des Telefondienstes Skype, bekommt sein Gehalt aber in Estland und in Euro. Bis er das Geld auf seinem englischen Konto hat, dauert es meist vier bis fünf Tage. Sein Freund Kristo Käärmann, Berater bei PwC und Deloitte, hat das gegenteilige Problem: Er muss in Estland noch eine Hypothek abbezahlen. Beide regen sich über die Gebühren auf.

Statt sich weiter von den Banken ausnehmen zu lassen, tun sie sich zusammen: Käärmann überweist in England Pfund auf das Konto von Hinrikus; der revanchiert sich mit Euro-Einzahlungen in Estland. Das Ergebnis ist exakt das gleiche, nur dass zwei inländische Überweisungen schneller und viel billiger sind als ein internationaler Transfer. Bald beteiligen sich Freunde und Bekannte an dem privaten Verrechnungsmodell, zunächst einfach in einem Chat-Room bei Skype.

Lokal einzahlen, lokal auszahlen

2011 machen sich Hinrikus und Käärmann mit TransferWise selbständig; von der britischen Financial Conduct Authority bekommen sie die Lizenz für das Sammeln von Geld und für internationale Zahlungen. Der Hauptsitz ist London, die erste Filiale ist in der estnischen Hauptstadt Tallinn. Ihr Ziel: den großen Banken das transnationale Zahlungsgeschäft abjagen und als „Skype der Überweisungen“ die Welt „kleiner machen, indem wir den Leuten ermöglichen, sehr einfach Geld zu sehr geringen Kosten zu versenden“. Zielgruppe: Studenten und Gastarbeiter, Pensionäre und andere Auswanderer. Vorbilder: IKEA, EasyJet und andere „Disruptoren“, die radikal Preise senken. Werbeslogan: „Weltweites Vertrauen. Keine Wolkenkratzer, keine Anzüge. Nur gleichgesinnte Menschen aus aller Welt, verbunden durch TransferWise.“ Oder auch: „Tschüss Banken! Ihr hattet euren Spaß.“

Im ersten Jahr arbeitete TransferWise nur mit Pfund und Euro; rund 5500 Transaktionen bewegten ein Volumen von zehn Millionen Euro. Das Start-Up schätzt, dass die Kunden dabei etwa 500.000 Euro Gebühren gespart haben. Nach einer Studie, die das Unternehmen bei Charterhouse Research in Auftrag gab, kostet die Überweisung von 1000 Pfund von England nach Euroland bei herkömmlichen Banken im Schnitt vier Prozent, weniger wegen der ausgewiesenen Gebühren, sondern vor allem wegen ungünstiger Wechselkurse, das heißt nicht offen deklarierter Abweichungen vom Devisenmittelkurs. Die teuerste Bank im Test kassierte dafür gar 54 Pfund – TransferWise dagegen nur fünf Pfund, also 0,5 Prozent.

Investoren mögen Geld

„Bei der Finanzierung von neuen Firmen ist es eine gute Daumenregel, dass das neue Produkt mindestens zehn Mal besser sein muss als das bisher Gewohnte“, schreibt der Investor Ben Horowitz in seinem Blog. „Dieses Konzept ist manchmal schwierig zu quantifizieren. TransferWise aber berechnet profitabel zehn Mal weniger für die genau gleiche Transaktion.“ Außerdem sei die Kundenzufriedenheit außerordentlich hoch.

An den ersten Finanzierungsrunden für TransferWise beteiligte sich Horowitz nicht, was er mittlerweile bereue. Dafür führte die Venture-Capital-Firma Andreessen Horowitz im Januar 2015 die jüngste Runde an, die 58 Millionen US-Dollar einbrachte. Insgesamt sollen der PayPal-Gründer Peter Thiel, der Virgin-Gründer Richard Branson und andere Geldgeber bislang mehr als 90 Millionen Dollar in TransferWise investiert haben.

Gebraucht werden die Mittel für die Expansion. TransferWise soll weiterhin um 15 bis 20 Prozent wachsen – pro Monat. Diesen Februar wurde in New York die erste US-Vertretung eröffnet. In Berlin wird gerade ein Büro eingerichtet, da man sich den Kunden nicht nur online nähern will. Im vergangenen Jahr wuchs die Mitarbeiterzahl von 45 auf 245; heuer sollen es 350 werden.

Wer sich bewirbt, kann mit acht Auswahlrunden rechnen, Fallstudien und Probetagen. Zum Schluss kommen noch Interviews mit den Gründern, die bei Kandidaten „Leidenschaft für grenzenloses Geld“ spüren wollen. Die Stellenanzeigen fordern Start-Up-Gesinnung: „Wir sind keine Bank. Noch nicht mal ansatzweise. Genau genommen sind wir das Gegenteil von einer Bank. Wir stellen eine Billiardenindustrie auf den Kopf. Und dazu brauchen wir Revolutionäre.“

Neue Infrastruktur entsteht

Mittlerweile bietet TransferWise 322 „Währungsrouten“ an. Manche Währungen, zum Beispiel Singapur-Dollar, brasilianische Real oder nigerianische Naira, können nur ausgezahlt, nicht aber aus den entsprechenden Ländern eingezahlt werden. Australische Dollar werden zwar per Inlandsüberweisung ausgezahlt, können aber nur per SWIFT-Überweisung nach Australien geschickt werden. Japanische Yen lassen sich in beide Richtungen nur mit dem SWIFT-System der etablierten Banken überweisen. Entsprechend unterschiedlich sind die Gebühren: Euros kosten 0,5 Prozent der überwiesenen Summe, beziehungsweise pauschal einen Euro, wenn es um weniger als 200 Euro geht. Die meisten anderen Währungen kosten 0,7 bis 1 Prozent; für SWIFT werden mindestens 15 US-Dollar fällig.

Wenn für einen wechselwilligen Kunden gerade kein passender Partner aufzutreiben ist, muss TransferWise auf den herkömmlichen Interbankenmarkt zurückgreifen. Die technische Abwicklung überlassen die Revolutionäre dabei dem Londoner Dienstleister Currency Cloud. Dieses 2012 gegründete Unternehmen arbeitet auch zum Beispiel für Kantox, Azimo, Moni und andere Geldüberweisungsdienste, die traditionelle Banken das Fürchten lehren wollen. Wenn Einzahler oder Empfänger kein Bankkonto haben, wird sich in diesem Biotop sicher irgendeine Smartphone-App finden.

Afrika hätte den größten Gewinn

Niedrigere Überweisungskosten wären vor allem für die ärmsten Menschen ein Segen. Das zeigen Statistiken der Weltbank, nach denen Gastarbeiter und andere Migranten im Jahr 2014 rund 436 Milliarden US-Dollar in Entwicklungsländer geschickt haben – mehr als drei Mal mehr als diese Länder an offizieller „Entwicklungshilfe“ bekommen haben. Die höchsten Gebühren mussten dabei für Transfers nach Afrika gezahlt werden: im Schnitt 12,4 Prozent. Bei kleinen Überweisungen, zum Beispiel von Deutschland nach Ghana oder Nigeria, wurden auch schon mal mehr als 30 Prozent kassiert. Wenn sich die Banken mit – immer noch recht teuren – fünf Prozent begnügt hätten, wären bei den Empfängern in Afrika insgesamt gut vier Milliarden US-Dollar mehr angekommen.

Dass ein besserer und billigerer Zugang zu Finanzdienstleistungen eine gute Entwicklungshilfe wäre, finden auch die Vereinten Nationen. Die UNO-Agentur IFAD schätzt, dass weltweit rund 250 Millionen Wanderarbeiter außerhalb ihres Ursprungslandes leben. Was sie in ihre Heimat schicken, meist jeweils kleinere Beträge bis zu 300 US-Dollar, ernährt zuweilen ganze Landstriche; mehr als ein Drittel geht in arme Gebiete außerhalb der Städte. Auf Bankgebühren hat die UNO keinen Einfluss. Immerhin hat sie aber im Juni in Mailand ein „Globales Forum zu Überweisungen und Entwicklung“ veranstaltet: Der 16. Juni wurde zum „Internationalen Tag der Familien-Überweisungen“ erklärt. mte

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