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    Susanne Wilgh-Mäsak
16.01.2019|Wohnen + Leben
Grüner Sterben

Kompost statt Krematorium

Grüner Sterben: eine schwedische Biologin will Leichen in guten Humus verwandeln

Warum hat sie sich dem Tod verschrieben und arbeitet schon seit Jahrzehnten an einer neuen Bestattungsmethode? Die Frage ärgert Susanne Wiigh-Mäsak: „Wir sprechen über das Leben! Die Natur lebt.“ Außerdem findet die schwedische Biologin, sie könne diese Aufgabe nicht anderen überlassen: „Es gibt nicht so viele Fachleute für Verwesung und Kompostierung. Wussten Sie zum Beispiel, dass Heißkompost Blödsinn ist, weil die meisten Mikroorganismen sich bei 2 bis 4 Grad Celsius am wohlsten fühlen?“ 

Im Jahr 1996 gab Susanne Wiigh-Mäsak ihren Job bei einer Chemiefabrik auf und eröffnete einen Bioladen auf der Insel Lyr bei Göteborg, wo ihr Mann Peter eine Muschelzucht aufbaute. „Die Insel hat nur 150 Einwohner“, berichtet sie: „Da habe ich viel Zeit zum Gärtnern und Kompostieren. Und zum Nachdenken.“ Vor allem eine Frage treibt sie um: Wie können wir nach dem Tod umweltfreundlich in den organischen Kreislauf eingehen, so wie etwa ein Apfelrest oder der Kadaver einer Maus? Sie hat sich vorgenommen, selbst einmal einen weißen Rhododendron zu düngen. 

Organische Stoffe, zum Beispiel Leichen, sind kohlenstoffhaltig und nicht wasserlöslich. Sie können grundsätzlich auf drei Arten zerkleinert werden, erklärt die Biologin: Verrotten oder Verfaulen ist langsam, verbraucht Platz, stinkt und gefährdet das Grundwasser. Verbrennen kommt in der Natur kaum vor, schon gar nicht von Körpern, die 70 Prozent Wasser enthalten; es verbraucht viel Energie und setzt giftige Gase frei, aber auch zum Beispiel Quecksilber aus Zahnfüllungen. Die beste Methode sei dagegen die Produktion von Erdboden: schnell und wohlriechend. 

Die Umweltschützerin ließ das von ihr entwickelte Verfahren unter dem Namen „Promession“ patentieren: Der auf -18°C vorgekühlte tote Körper wird in flüssigen Stickstoff mit -196°C getaucht. „Stickstoff ist ein Abfallprodukt der Sauerstoff-Herstellung. Das bekommen wir von der Gasindustrie praktisch umsonst.“ Spröde und brüchig wird die Leiche dann durch Schallwellen-Vibration in ein Granulat zerlegt. Gefriertrocknung entzieht das Wasser. Nach dem maschinellen Aussortieren von Metall und Kunststoffen, etwa Goldzähnen oder Implantaten, verbleibt noch ungefähr ein Drittel des ursprünglichen Körpergewichts. Das feine, geruchslose Pulver wird in einem Sarg aus Maisstärke in 50 Zentimeter Tiefe bestattet, also in „lebenden“ Erdschichten mit Sauerstoff und Mikroorganismen. In 6 bis 18 Monaten wird daraus Humus. 

Um diese Methode zur Serienreife zu bringen, gründete Susanne Wiigh-Mäsak mit ihrem Mann das Unternehmen „Promessa Organic“. Eine Firma habe den Vorteil, dass sie Franchise-Nehmern Vorschriften machen kann, zum Beispiel die Verwendung von Öko-Strom. „Promessions“-Tests mit rund 100 toten Schweinen seien sehr erfolgreich gewesen: „Biologisch sind Schweine und wir sehr ähnlich.“ Obwohl die angehenden Bio-Bestatter nach eigenen Angaben bereits mehr als 3 Millionen Euro von Investoren eingeworben haben, gibt es bislang aber noch keine Pilotanlage für das unblutige Granulieren und Trocknen menschlicher Überreste. 

„Unser größter Fehler war, dass wir viel zu lange auf die Schwedische Kirche gewartet haben“, resümiert die Biologin die bisherige Entwicklung: „Die hat bei uns praktisch das Monopol der Friedhofsverwaltung. Seit der Trennung vom Staat werden für die Kirche die Einnahmen von Friedhöfen und Krematorien immer wichtiger. Die haben uns immer wieder hingehalten.“ 

Trotz des Widerstands der Bestattungsbranche ist Susanne Wiigh-Mäsak aber optimistisch: „Kremation hat auch Jahrzehnte gebraucht, bis sie sich durchsetzen konnte. Wir sind auf einem guten Weg und haben jetzt eine Stiftung für einen eigenen Friedhof. Wir hoffen, dass bald in Uddevalla der Prototyp eines Promessionsgeräts gebaut wird.“ 

In der Zwischenzeit tourt das Ehepaar Wiigh-Mäsak auf Vortragsreisen um die Welt: „Wir haben Anfragen aus 93 Ländern.“ Am größten seien die Chancen wohl in Deutschland und Spanien, aber auch in Südafrika und Australien würden gerade die Gesetze für das Begräbniswesen so geändert, dass Schockfrosten eine Option werde. Besonders interessiert seien die Parsen: „Die sind verzweifelt, weil in Indien und Pakistan die Geier für ihre Luftbestattungen aussterben. Dort finden nun Geistliche, dass Promession die Natur nachahmt und ihrer Tradition sehr nahe kommt. Und Parsen sind ja nun wirklich sehr konservativ.“ Martin Ebner

 

 

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