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    Knackige Salate von der Insel Reichenau im Bodensee
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    Mittlerweile wird Gemüse witterungsunabhängig unter Glas angebaut
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    Gemüseanbau ist nach wie vor Handarbeit
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    Nach wie vor im Freilandanbau: Gemüse von der Reichenau
04.04.2018|Wohnen + Leben
Nachhaltiger Strukturwandel

Gemüse von Genossen

Strukturwandel – Knackige Blätter - Gurken, Tomaten und andere Gewächse von der Insel Reichenau müssen sich gegen harte Konkurrenz behaupten.

Ein Bild wie aus dem Mittelalter: Gärtner ernten am frühen Morgen Salatköpfe, im Hintergrund beleuchten erste Sonnenstrahlen die romanische Kirche St. Georg. Damit wird geworben für „traditionellen Gemüseanbau, der auf die Klosterkultur zurückgeht“. In Wirklichkeit ist die Insel Reichenau erst seit rund 100 Jahren auf Grünzeug spezialisiert. Beschaulich ist die Idylle auch nicht: Kaum jemand wird so von Modernisierung und Globalisierung herumgeschubst wie kleine Gartenbau-Betriebe. Gegen Hagel kann man sich versichern – aber was lässt sich ausrichten gegen Roboter auf riesigen Feldsalat-Plantagen in Frankreich, billige Tomaten aus dem Senegal, ständig neue Vorschriften aus Brüssel? 

Früher wurde auf der Bodensee-Insel vor allem Wein angebaut. Als Eisenbahnen Fusel aus dem Ausland herankarrten, waren die Reichenauer nicht mehr konkurrenzfähig. Im Winter 1928 zerstörte ein Frost alle Reben. Da brachte eine andere Sonderkultur die Rettung: Gemüse ist wie Wein sehr arbeitsintensiv und kann auch auf kleinen Flächen profitabel sein. Die Reichenau ist nur 4,5 Kilometer lang und 1,5 Kilometer breit, und Realteilung unter Erben hat die verstreuten Felder in winzige Parzellen zersplittert.

Den Strukturwandel gebremst

Mit Getreide hätten Kleinkrauter von vornherein keine Chance. Gemüse hat den Strukturwandel immerhin gebremst: Um 1940 gab es auf der Insel mehr als 300 Vollerwerbs-Gärtner, die pro Jahr an die 6.000 Tonnen Gemüse lieferten. Heute leben noch rund 65 Reichenauer Familien von Vegetabilien – und sie ernten jetzt bis zu 16.000 Tonnen. Ein Standortvorteil ist dabei das Bodensee-Wasser, das von vier Pumpwerken über eine 60 Kilometer lange Ringleitung verteilt wird. Das milde Klima, das im Freiland mehrere Ernten pro Saison ermöglicht, ist nicht mehr so wichtig: Reichenauer Gewächse kommen nun vor allem aus Treibhäusern, die auf der Insel 40 Hektar bedecken, ein Viertel der Anbaufläche. Zahlen zum Vergleich: von den mehr als 30.000 Folien-Hektar um die spanische Stadt Almeria werden pro Jahr über 600.000 Tonnen Gemüse nach Deutschland verfrachtet.

Ergeugergemeinschaften gegründet

Die Reichenauer beliefern nur Süddeutschland und Vorarlberg; die nahe Schweiz auf der gegenüberliegenden Rheinseite sperrt deutschen Salat mit Zöllen aus. Um den immer weniger, dafür immer größeren Handelsketten Paroli zu bieten, haben die Gärtner drei gemeinsam verwaltete Genossenschaften: Die Reichenau-Gemüse eG ist die Erzeugergemeinschaft für die Hauptprodukte Salat, Feldsalat, Tomaten und Gurken, die das EU-Siegel „geschützte geografische Angabe“ tragen dürfen. Die Reichenau-Gemüse-Vertriebs eG darf auch Fremdware verkaufen, zum Beispiel Spargel, Möhren und Zwiebeln, die auf den schweren Moränekies-Böden der Insel nicht so gut wachsen. Die Raiffeisen-Lagerhaus eG versorgt die Gärtner mit Betriebsmitteln. Auch mit lebendigen: zur Bestäubung werden Hummeln eingesetzt, zur Schädlingsbekämpfung Schlupfwespen und andere Nützlinge.

Biogemüse gegen Überdündung

Ende der 1970er Jahre warnten die ersten, damals noch langhaarigen Grünen, Überdüngung werde den Bodensee umkippen lassen. Mittlerweile ist Johannes Bliestle, der Geschäftsführer der Reichenauer Genossenschaft, „besonders stolz, dass Biogemüse bei uns einen Umsatzanteil von 25 Prozent erreicht“. Der Rest wird in integriertem Anbau mit möglichst wenig Chemie produziert. Wert legen die Reichenauer auch auf organisches Substrat. „Das heißt Matten oder Töpfe mit Kokosfasern“, erläutert Bliestle: „Steinwolle, auf dem sonst der Großteil des Anbaus in Europa stattfindet, ist bei uns nicht zugelassen.“ 

Gegen den gnadenlos wachsenden Preisdruck hilft allerdings auch Bio nicht. Weil auf der Insel kein Platz mehr ist, haben Reichenauer unlängst auf dem Festland im Hegau bei Singen riesige Gewächshäuser für Paprika, Auberginen und Bio-Gurken gebaut – 16 Hektar unter Glas. „Trotz der ganzen Technik sind wir von der Natur abhängig“, beteuert der Gärtner Clemens Blum: „Der Klimacomputer regelt nur so, wie ich es will – ich brauche den gewissen grünen Daumen trotzdem.“

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