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    Zwei der drei Gründungskapitäne von Fairtransport: Jorne Langelaan und Andreas Lackner
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    Die 'Tres Hombres' am Kai der ehemaligen NDSM-Werft in Amsterdam
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    Impressionen von der 'Tres Hombres'
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    Old new school: Kapitäne Andreas und Jorne im Navigationsraum der 'Tres Hombres'
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    Impressionen von der 'Tres Hombres'
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    Uli Kindermann aus Bonn ist mit dem Lastenfahrrad nach Amsterdam gefahren, um 30 Kilo Fairtrade-Kaffee direkt ab Schiff abzuholen.
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    Die 'Tres Hombres' am Kai der ehemaligen NDSM-Werft in Amsterdam
09.10.2018|Mobilität
Neustart für Frachtsegler

Sauber über See

Das Schifffahrtsunternehmen Fairtransport kämpft für umweltfreundlicheren Güterverkehr ohne Abgase.

Kein Geschrei, keine Uniformen, auf dem Deck entwirren sich Taue, Rucksäcke und junge Matrosinnen. Die Offiziere, die hier einst Befehle bellten, wären wohl fassungslos, wenn sie sehen würden, was aus ihrem Kriegsfischkutter geworden ist. Vielleicht wären sie auch beeindruckt? Immerhin ist die Tres Hombres gerade von ihrer neunten Karibik-Fahrt heil nach Amsterdam zurückgekehrt. Und das allein mit Segeln; bloß ihr Schlauch-Beiboot hat für Hafen-Manöver einen kleinen Außenbordmotor. 

Im Navigationsraum bereitet Kapitän Jorne, ein relaxt-langhaariger Holländer, die Schiffsübergabe vor. Auf dem Kai redet sich derweil seine Ablöse in Rage, Kapitän Andreas: „Warum ist das ganze Zeug im Laden so billig? Weil niemand die Umweltkosten zahlt! In Rotterdam ist die billigste Tankstelle Europas: Für die Schiffe wird Giftmüll in Schweröl gemischt, verbrennbar gemacht. Außerhalb der 200-Meilen-Zone wird das verfeuert – und in zwei Tagen ist mit dem Wind alles wieder zurück. An Land ist das schon lange verboten, aber auf See sieht das keiner. Das ist so ein Wahnsinn!“

 

Karibik und zurück

Jorne Langelaan und Arjen van der Veen, zwei Absolventen der Seefahrtschule Enkhuizen, und Andreas Lackner, ein Greenpeace-Aktivist aus der Steiermark, hatten sich im Jahr 2000 als Matrosen auf dem Dreimaster Europa kennengelernt. Um die Seefahrt emissionsfrei zu machen und wieder Frachtsegler zu betreiben, gründeten sie die „Stichting Atlantis Zeilende Handelsvaart“. Mittlerweile heißt ihr Unternehmen „Fairtransport“ und ist im Museumshafen Willemsoord untergebracht, der ehemaligen Marine-Werft in Den Helder. 

Ihr erstes Schiff fanden die drei Seemänner zufällig in Delft: das Wrack eines deutschen Marine-Boots, anno 1943 in Swinemünde gebaut. Zweieinhalb Jahre lang halfen mehr als 200 Freiwillige beim Umbau zum Friedensschiff. Der alte Dieselmotor wurde rausgerissen, der Kiel erneuert, 20 Tonnen Ballast entfernt, Masten aufgerichtet, gut die Hälfte an Stahl und Holz ersetzt. Schiffsbauer und Handwerker wurden zum Teil mit Schiffsanteilen bezahlt. 

Im Jahr 2009 ging die Tres Hombres auf Jungfernfahrt. Seither folgt die 32 Meter lange Brigantine den Winden auf traditionellen Handels- und Piraten-Routen über den Atlantik: Mit bis zu 12 Knoten (etwa 22 km/h) segelt sie im Herbst von Europa über die Kanarischen Inseln in die Karibik, bis zum Sommer dann über die Azoren wieder zurück.

 

Neues Leben für kleine Häfen

Kaum fuhr die Tres Hombres profitabel, rüstete Fairtransport einen zweiten Frachtsegler aus: die Nordlys, 1873 in Yarmouth als Fischerboot ganz aus Holz gebaut. Diese 25 Meter lange Handelsketsch pendelt nun seit 2015 zwischen Lofoten und Mittelmeer, vor allem mit Wein, Ale, Olivenöl und Stockfisch. An Europas Westküste bringt sie wieder etwas Leben in alte Häfen, die für Container-Riesen zu klein geworden sind. Für Fairtransport fahren jetzt sechs Kapitäne. 

Wie früher im „Goldenen Zeitalter“ gehören die Frachtensegler jeweils einer eigenständigen Partenreederij. Bei der Tres HombresS.A. sind von 400 Anteilen à 1.250 Euro noch 10 frei; bei der von Fairtransport vorfinanzierten NordlysShipping Comapany S.A. gibt es von 500 Anteilen à 1.000 Euro noch 140. Registriert sind die Gesellschaften in Panama. Wer wissen will, wo ihre Schiffe gerade sind, findet sie auf Tracking-Webseiten wie Vesselfinder.com unter der Flagge von Vanuatu; ihr „Heimathafen“ ist Port Vila. „Ohne Motor und mit Holzplanken könnten wir ein Frachtschiff in Europa nicht registrieren“, erläutert Andreas. „Bei uns hat auch nicht jeder seine eigene Kabine mit LCD-Schirm. Wir sind auf See mit Mitseglern – das ist eine ganz andere Ideologie.“ 

Dass auf den Öko-Frachtern ungefähr gleich viele Frauen wie Männer segeln, findet Andreas „sehr positiv für Benehmen und Atmosphäre“. Gearbeitet wird im schwedischen Wach-System: in 48 Stunden zwei Tagwachen mit sechs und zwei Nachtwachen mit vier Stunden. Außer dem Kapitän gehören zur Crew der Tres Hombres zwei Steuerleute, ein Bootsmann und zwei Matrosen. Schiffsköchin Judith beschreibt ihren Job so: „Essen machen für 15 Leute, während die kleine Kombüse wie bei einem Erdbeben schwankt, die Zutaten durch die Luft fliegen und es weder Kühlschrank noch fließendes Wasser gibt. Und das drei Mal am Tag.“

 

Lehrgeld und Schokolade

In Schlafkojen auf dem Vorschiff können sich acht Trainees pferchen. Sie werden nicht nur fürs Segelsetzen gebraucht: Ihr Lehrgeld macht fast ein Drittel der Einnahmen von Fairtransport aus. Im Sommer ist ein Schnupper-Tag bei der Überführung der Tres Hombres nach Den Helder zur Überholung für 70 Euro zu haben, zwei Tage mit der Nordlysvon Rostock nach Kopenhagen für 150 Euro. Die ganze Atlantik-Tour, acht Monate ab Ende Oktober, kostet 14.280 Euro. Meist heuern Backpacker-Naturen an, manchmal erfüllt sich auch ein Rentner Jugendträume. Es gibt keine Altersgrenze, Vorkenntnisse sind nicht nötig, Bedingung ist aber körperliche und geistige Fitness. 

Beate aus Hamburg hat sich die Fahrt ab der Dominikanischen Republik geleistet. Sie begeistert „Freundlichkeit und Engelsgeduld“ der Crew: „Die steigen in der Nacht bei strömendem Regen und Windstärke 5 auf den wild schwankenden, 22 Meter hohen Mast – und erklären uns herumtapsenden Neulingen, was zu tun ist.“ Bei 13 Segeln mit jeweils drei bis sechs Leinen sind allein für die Segel rund 70 Begriffe zu lernen. Der Trip ohne Komfort und Privatsphäre sei „schon sehr extrem“. Es gibt nicht nur für den Anker keine elektrische Winde: „Beim Laden von Hand kommst du an deine Grenzen, selbst mit starken Leuten.“ Zum Glück ist der Hauptkunde direkt am Hafen in Amsterdam: Die Fabrik „Chocolatemakers“ belohnt bei der jährlichen Auslade-Party die Helfer für jeden 70-Kilo-Sack Kakaobohnen mit einem Schokoriegel oder einem Glas Rum.

 

Zukunftsvision Clipper

In den Bauch der Tres Hombrespasst so viel Ladung wie in einen großen Container: 40 Tonnen, rund 20 Euro-Paletten. „Am Anfang wollte unserem alten Holzboot niemand Fracht geben“, berichtet Andreas. „Also haben wir auf eigene Rechnung eingekauft. Vor allem Luxusgüter, die nicht so eilig sind. Rum wird sogar besser, wenn er im Eichenfass herumschippert.“ Mittlerweile wird die Rum-Eigenmarke in ganz Mitteleuropa von mehr als 100 Verkaufsstellen vertrieben. In Amsterdam soll Fairtransport einen dauerhaften Landeplatz bekommen bei der ehemaligen NDSM-Werft, heute ein quirliges Kreativ-Viertel. „In einer alten Fähre machen wir einen Zero-Waste-Shop auf und eine Rösterei für unseren Kaffee aus Kolumbien“, kündigt Andreas an: „Das wird das 'Kap der Grünen Hoffnung'.“ Gleich nebenan ist das Forschungszentrum des Erdöl-Konzerns Shell. 

Jorne zeichnet noch größere Pläne: „Nächstes Jahr wollen wir den Bau eines neuen Frachtschiffs anfangen. Ein Clipper – das war um 1870 die höchste und schnellste Stufe des Segelschiff-Baus.“ Die Kabinen werden bequem, verspricht Jorne, denn außer 14 Crew-Mitgliedern und 24 Trainees sollen auch 12 Passagiere mitsegeln können. Zwei Mal so lang wie die Tres Hombres soll der Dreimaster werden, aber zehn Mal so viel laden. „500 Tonnen ist für uns das Maximum. Darüber gibt es andere internationale Vorschriften. Mehr Bioware wäre auch schwer in einem Hafen zu bekommen – wir wären auf Monokulturen angewiesen. Wir wollen aber mit Bio- und Fairtrade weiter wachsen.“

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