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17.05.2019|Gesundheit
Nachhaltige Abfallentsorgung

Zu Schade zum Wegspülen

Abfallentsorgung − Kot und Urin enthalten wertvolle Rohstoffe: Kompost-Toiletten können natürliche Kreisläufe schließen und dabei auch noch Energie sparen.

„Immer wenn ich ein englisches Wasserklosett benutze, habe ich dasselbe schlechte Gewissen, wie wenn ich Auto fahre oder Flugzeug fliege“, gestand der Künstler Friedensreich Hundertwasser anno 1975. Damit war der Visionär seiner Zeit deutlich voraus: „Die Wasser-Toiletten sind eine der vielen gefährlichen Sackgassen unserer Zivilisation: Verschwendung von Unmengen reinem Trinkwasser, um etwas Scheiße und Urin fortzutragen. Aus 1 kg Wertvollem werden so 50 Liter gefährlicher Substanz, die Grundwasser, Brunnen, Flüsse, Seen und Meere verseucht. Der Raubbau wird durch Wegspülen von Lebenswichtigem vervielfacht. Das Land verarmt.“ 

Hundertwasser beschäftigte sich intensiv mit umweltfreundlichen Klos und Pflanzen-Kläranlagen. Die Trockentoiletten, die damals in Skandinavien gefertigt wurden, waren ihm zu teuer. Ihn störten auch die elektrischen Abluftsysteme: zu laut, zu hoher Energieverbrauch. Kurzerhand entwickelte er eine eigene Humustoilette. Sein Modell kommt geruchsfrei ohne Entlüftung aus und zieht keine Fliegen an, weil Ausscheidungen mit feuchter Erde abgedeckt werden: „Kein Wasserverbrauch, keine Kanalisation, keine Krankheitserreger, keine Seuchenverbreitung, keine Latrinen, keine Senkgruben, keine Jauchetransporte, keine Chemikalien, billig, Einsparen von Kläranlagen, Wiederverwertung als Humus.“ 

„Wir machen uns einen falschen Begriff über unseren Abfall. Jedes Mal, wenn wir die Wasserspülung betätigen, im Glauben, eine hygienische Handlung zu vollziehen, verstoßen wir gegen kosmische Gesetze, denn in Wahrheit ist es eine gottlose Tat, eine frevelhafte Geste des Todes“, bekräftigte Hundertwasser in seinem Manifest „Scheißkultur – die Heilige Scheiße“. Das wurde zuerst bei einer Kunstausstellung in der Schweiz verlesen: „Wir essen nicht das, was bei uns wächst,  wir holen Essen von weit her, aus Afrika, Amerika, China und Neuseeland. Die Scheiße behalten wir nicht. Unser Unrat, unser Abfall wird weit weggeschwemmt. Wir vergiften damit Flüsse, Seen und Meere, oder wir transportieren sie  in hochkomplizierte teure Kläranlagen, selten in zentralisierte Kompostierfabriken, oder aber unser Abfall wird vernichtet. Der Kreislauf vom Essen zur Scheiße funktioniert. Der Kreislauf von der Scheiße zum Essen ist unterbrochen.“

 

Gute Geschäfte machen

Mittlerweile sind Toiletten von der UNO quasi offiziell anerkannt als ein Hauptproblem der Menschheit. Rund um die Welt tüfteln Projekte an erschwinglichen Klos, die Wasser sparen, am besten ganz ohne Wasser auskommen. Wie können die in den Fäkalien enthaltenen Nährstoffe nutzbar gemacht werden? Was tun gegen Geruch und Keime? Alle drei Jahre wird in Finnland die International Dry Toilet Conference veranstaltet. Zur jüngsten im Jahr 2018 kamen 157 Teilnehmer aus 37 Ländern. Von den wissenschaftlichen Vorträgen erholten sich die Besucher mit einem Ausflug zu einer Algenfarm, die aus Urin Methan produziert. 

Besonders sensibilisiert für dringende Bedürfnisse sind Entwicklungshelfer. Malte Schremmer zum Beispiel reiste 2011 als Geografiestudent mit der Welthungerhilfe durch Burkina Faso – was ihm prompt einen heimtückischen Durchfall einbrachte. Danach schrieb er eine Bachelor-Arbeit „über alternative Sanitärsysteme, die Geschichte der Scheiße und Kompost-Klos“. Im heimischen Badezimmer experimentierte er mit ersten Trockentoiletten-Modellen. Daraus entstand 2014 das Hamburger Sozialunternehmen Goldeimer. Das tourt nun jeden Sommer mit 70 Miet-Komposttoiletten und über 200 ehrenamtlichen Betreuern durch Deutschland: „Festival-Klos zu Heimscheißerkonditionen“. Außerdem verkauft Goldeimerdas „Klo-to-Go“, eine Komposttoilette zum selber bauen, und „das erste soziale Klopapier Deutschlands“, zu 100 Prozent aus Recyclingpapier. Mit dem Erlös wurde bisher zum Beispiel eine saubere Schul-Latrine in Uganda finanziert. In Adis Abeba, wo es mehr als vier Millionen Menschen, aber fast keine Kanalisation gibt, erprobt Goldeimerseit Januar 2019 einen Prototyp: Zwei Trockentoiletten mit Drainagesystem, eine vier Meter lange Pflanzenkläranlage und einen sechs Quadratmeter großen Kompostplatz. 

„Heimelige Toiletten für kleine und grosse Anlässe“ vermietet auch Kompotoi aus Zürich: „Mit uns wird jede Sitzung zum Erlebnis!“ Fichtenholz sei viel angenehmer als die herkömmlichen Plastik-Klos, und frische Einstreu rieche besser als Chemie. „Gespült“ wird nämlich jeweils mit einer Schaufel Sägespäne, die zur Kompost-Beschleunigung mit etwas Biokohle und Mikroorganismen angereichert sind. Der gelernte Elektromonteur Jojo Lindner hatte sich nach einem Permakultur-Kurs nicht mehr mit der „Aus den Augen, aus dem Sinn“-Mentalität unseres Abwassersystems abfinden wollen: Im Jahr 2012 entwickelte er den Prototyp einer Trockentoilette. Mit „human output“ wollen Lindner und sechs Mitarbeiter jetzt nicht nur Dünger produzieren und Geld verdienen: „Durch die neue Erfahrung eines etwas anderen Toilettengangs werden die Benutzer an Thematiken wie Wasser, Recycling, Kompost und Kreisläufe herangeführt.“ Besonders in armen Ländern gebe es oft zwei Probleme: schlechte Böden und schlechte Hygiene – und das Kompost-Klo löse beide.

 

Würmer unter der Klo-Brille

Kleine Holzhäuschen für Open-Air-Konzerte oder Entwicklungsländer sind eine Sache, sanitäre Anlagen für Wohnblocks in Gegenden mit kommunalen Bauordnungen aber eine ganz andere. In vielen Städten gibt es einen Anschlusszwang für die öffentliche Kanalisation, und die Behörden sind unterschiedlich aufgeschlossen. In Vororten von Genf kann die Wohnbaugenossenschaft Equilibre mit Sondergenehmigungen an drei Standorten alternative Toiletten erproben. 

Das Projekt „Soubeyran“ zum Beispiel ist ein großer, seit 2016 bezogener Stahlbetonblock mit 38 Appartements und einer Ladenzeile im Erdgeschoss. Die Bewohner haben sich von der städtischen Kanalisation ganz verabschiedet und für ihre Abwässer im Garten für rund 250.000 Franken eine eigene unterirdische Kläranlage eingerichtet: drei große Stroh-Haufen voller Regenwürmer. Damit die fleißigen Tiere gesund und gutgelaunt bleiben, dürfen im ganzen Haus für Körperhygiene, Abwasch und Reinigung ausschließlich biologisch vollständig abbaubare Produkte verwendet werden. Dafür brauchen die Mieter keine Abwasser-Gebühr mehr zu bezahlen. Und statt pro Kopf und Tag für die Entsorgung der Ausscheidungen 45 Liter Trinkwasser zu verbrauchen, sind es jetzt nur noch 4 Liter für Kot und 300 Milliliter für Urin. Aus Kot wird Kompost. Das Wasser wird gefiltert, wieder ins Haus gepumpt und für die WC-Spülung verwendet. 

Für das Ökoquartier „Les Vergers“ hat sich die Genossenschaft von Kompotoieine noch radikalere Lösung entwickeln lassen: In vier Wohnungen stehen große Holzkisten mit darauf montierten WC-Brillen. In der Kiste dreht sich ein Bottich mit fünf Plastikeimern, die mit Sägemehl und Regenwürmern gefüllt sind. Urin wird abgefangen und in die Kanalisation abgeleitet, weil viel Urin für die Würmer zu sauer wäre und außerdem stinken würde. Sobald ein Eimer voll ist, wird der Bottich weitergedreht, bis wieder ein leerer Eimer unter der WC-Brille zu stehen kommt und die nächsten Regenwürmer ihre Schicht beginnen. Der volle Eimer wird nach etwa fünf Wochen auf einen Komposthaufen im Keller geleert. 

Für alle, die wissen wollen, ob Kot-Kompostierung funktioniert und wirklich wie versprochen weitgehend geruchsfrei ist, bietet Equilibremehrmals im Jahr öffentliche Führungen durch ihre Genossenschaftshäuser an. Das kommt Hundertwassers alter Forderung nahe, dass „der Abfallkübel in den Mittelpunkt unserer Wohnung kommt und die Humustoilette auf dem schönsten Platz zum Ehrensitz wird“.

 

Dünger aus deinem Urin

Neue Aufmerksamkeit findet auch Hundertwassers Überlegung, dass sich die Natur bei der Erfindung der Anatomie ja wohl etwas gedacht haben müsse: „Alle höher entwickelten Tiere, mit Ausnahme der Vögel, haben getrennte Öffnungen zur Ausscheidung flüssiger und fester Verdauungsrückstände. Wie wir wissen, ist viel Energie erforderlich, um Flüssiges von Festem zu trennen. Die Trennung von Abfall in Flüssigkeiten, Feststoffe, Metalle, Kompost, Glas, Papier, Giftstoffe, Plastik, Fette und so weiter ist extrem teuer und kompliziert. Deshalb stellt sich die Frage: Warum mischen wir das, was die Natur mit großer Weisheit und Sorgfalt getrennt hat? Warum urinieren und scheißen wir in einen einzigen Behälter, wo unser Verdauungssystem vorher beides sorgfältig trennt?“ 

Bei Kot können Regenwürmer die Mikroben wegfressen. Bei Urin aber verursacht die mikrobielle Zersetzung Geruchsemissionen; unangenehm ist auch ausgasendes Ammoniak. Für alternative Toiletten werden bislang zwei Lösungsansätze verfolgt: Entweder Luft und saugfähiges Material wie Sägespäne oder Rindenmilch zugeben. Oder Kot und Urin trennen und separat behandeln. 

In Basel arbeiten Studenten der Hochschule für Gestaltung und Kunst in dem Projekt Youtrition daran, Nährstoffe aus menschlichem Urin zu recyceln. Die Vision: „Jeder Mensch auf der Welt soll mit seinem Urin sein Essen züchten können.“ Urin ist „perfekt als Dünger“, erläutert Moritz Keller: „Die drei Stoffe Kalium, Phospor und Stickstoff sind in einem vergleichbaren Verhältnis enthalten wie in handelsüblichem Kunstdünger. Alle Dinge, die in Pflanzen drin sind, scheiden wir wieder aus – und Pflanzen nehmen das auf. So gibt das einen schönen Kreislauf.“ 

Youtritionwill mehrere Probleme gleichzeitig lösen. Kläranlagen werden hauptsächlich durch Urin belastet: 85 Prozent der bei der Wasserreinigung verbrauchten Energie wird für die Entfernung des Stickstoffs aus Urin benötigt. Gleichzeitig entfällt auf die Herstellung von synthetischem Stickstoff schätzungsweise 1 Prozent unseres gesamten Energieverbrauchs. Phosphor wird überwiegend im wenig umweltfreundlichen Tagebau gewonnen und geht weltweit zur Neige. 

Auf dem Vorplatz der HGK in Basel hat Youtritioneine Versuchsanlage eingerichtet. Vor zwei Jahren wurde erstmals bei einem Festival mit Toiletten Urin gesammelt: Der Urin wurde vierfach gefiltert, sterilisiert und fermentiert – und zur Düngung von zwei Gemüsebeeten verwendet. Die erste Ernte von 12 Kilo Mangold wurde zu Lasagne verarbeitet. Das Projekt will auch weiterhin „den Fokus auf Genuss legen“, denn angesichts des weit verbreiteten Ekels vor den eigenen Ausscheidungen liege die Herausforderung besonders „auf kommunikativer und gestalterischer Ebene“.

 

Windeln zu Baby-Brei

Ein Problem ist auch der Müllberg, den Kleinkinder hinterlassen. „Ein Baby braucht rund 4.500 saugfähige Plastikwindeln, bis es lernt, zur Toilette zu gehen“, hat die in Berlin lebende Künstlerin Ayumi Matsuzaka herausgefunden: „Allein in Deutschland werden pro Jahr 500.000 Tonnen Windeln verbrannt oder auf Deponien vergraben. Das sind 12.000 große LKWs. Dabei kann ein Kind allein pro Monat mehr als 30 Liter wertvolle Humuserde erzeugen helfen.“ Mit jungen Familien in Berlin-Pankow arbeitet sie daran, einen „Windel-Kreislauf“ aufzubauen.

Geplant ist DYCLE als „eines der weltweit ersten vollständig abfallfreien, systemischen Produktionsunternehmen“: Ausscheidungen und biologisch vollständig abbaubare Windeln (genauer gesagt: die Windel-Einlagen für Überhosen) werden von ein paar hundert oder tausend Familien gesammelt, mit Lebensmittelabfällen vermischt und von Regenwürmern zu fruchtbarem Humus kompostiert. Mit Hilfe der neuen schwarzen Erde können Obst- und Nussbäume wachsen und erneut Früchte tragen: „Die Kinder wachsen und die Bäume wachsen auch.“ Die Früchte werden dann zu gesunder Babynahrung verarbeitet, das Holz zu neuen Windel-Einlagen. Die sollen wiederum zu 100 Prozent kompostierbar sein und auch der Hautgesundheit der Babys zu Gute kommen, weil auf Kunststoffe und chemische Zusätze verzichtet wird. 

In den letzten Jahren hat Matsuzaka für alle Schritte in diesem Kreislauf Partner und Zulieferer gesucht: vom Hersteller für biologisch abbaubare Windeln bis zum Züchter von Obstbäumen. Dieses Frühjahr testen 50 Familien die Windel-Einlagen. Im Spätsommer 2019 möchte DYCLEin Berlin das erste Windelverteilungs- und -sammelsystem einrichten und mit einer Produktionsstrecke für Windel-Einlagen in den kontinuierlichen Betrieb gehen.

 

Merdacotta für Designertöpfe

Ganz andere Größenordnungen werden in der Landwirtschaft erreicht. In der Lombardei bei Piacenza zum Beispiel hält Gianantonio Locatelli 3.500 Kühe, die täglich rund 50.000 Liter Milch für die Produktion des Käses „Grana Padano“ liefern. Dabei fallen auch 150.000 Kilo Dung an. Daraus wird Biogas gewonnen: pro Tag genug für bis zu 3 MW Strom. Aus den Rückständen der Gasherstellung müssten sich außer Dünger auch noch andere Dinge fertigen lassen, dachte sich Locatelli. Zusammen mit dem Designer Luca Cipelletti eröffnete er im Jahr 2015 in der mittelalterlichen Burg Castelbosco das Museo della Merda. Das Logo dieses Kulturzentrums, das einen historischen und zeitgenössischen Blick auf das Thema Exkremente eröffnen will, zeigt einen Skarabäus: In Ägypten wurden Mistkäfer einst als Gottheiten verehrt. 

Locatelli und Cipelletti entwickelten in ihrem Museum das Material „Merdacotta“, das sie sich auch gleich patentieren ließen. Die Mischung aus getrocknetem Mist und toskanischem Lehm höchster Qualität soll leichter und frostsicherer als Terracotta sein, eine „rauhere und natürlichere Oberfläche“ bieten. Gebrannt und glasiert werden daraus zum Beispiel Geschirr, Vasen oder Kacheln. Im Jahr 2016 bekam „Merdacotta“ beim Möbelsalon den Milano Design Award. Stolz ist Locatelli auch auf den Blumentopf „Merdante“, der sich selbst düngt. „Scheiße ist ein nützliches und lebendes Material“, meint der Recycling-Pionier: „Scheiße wirkt Wunder!“ Martin Ebner

Einfach mal abschalten

Auszeit – Dauerhafter Stress zermürbt. Die Psyche leidet und die Gesundeit auch. Regelmäßige Auszeiten können helfen, zur Ruhe zu kommen und seine Probleme neu zu ordnen. 

Schlemmen ohne Kalorien

Es klingt wie ein Traum. Als die Nachricht aus dem Kölner Hause Pfeifer und Langen die Öffentlichkeit erreichte, einen kalorienfreien Zucker auf den Markt zu bringen, freuten sich die Verbraucher. In Japan seit 2010 zugelassen, ist für Deutschland ein solches Produkt absolutes Neuland.

Gutes Essen – gute Laune

Ernährung – Wir alle wissen eigentlich, wieviel wir essen und trinken sollten. Aber unser Grundbedürfnis nach Sättigung wird durch andere Motive überlagert. Viele essen mehr, als gut ist. Nehmen Nahrungsmittel Einfluss auf unser Gehirn? Gwen-Autorin Ruth Rösch ist dieser Frage nachgegangen.

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