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    Michael Bohmeyer: 100 Grundeinkommen zu verlosen
14.07.2015|Bessermacher
Mein Grundeinkommen

Lebensunterhalt zu gewinnen

Mein Grundeinkommen – Was würde passieren, wenn Menschen nicht mehr arbeiten gehen müssen, um zu leben? Diese Frage stellte sich Michael Bohmeyer – und geht ihr nun in einem Experiment auf den Grund. Mit erstaunlichen Ergebnissen.

Michael Bohmeyer muss nicht arbeiten gehen, um zu leben. Er kommt zurecht mit den Erträgen einer Internet-Firma, die er vor neun Jahren mitgegründet hat. Nach seinem Ausscheiden aus dem Geschäft habe er ursprünglich einfach nur faulenzen wollen, so erzählt es Bohmeyer. Doch dann merkte er, wie sein Schaffensdrang im Gegenteil sogar wuchs, er neue Geschäftsideen hatte. Seit er aufgehört habe zu arbeiten, sei der zudem „ein besserer Vater“ geworden, und lebe gesünder.

Bohmeyer fasste einen Vorsatz: auch anderen Menschen sollte es so gehen wie ihm. Vor einem Jahr startete er über die Internetplattform Startnext eine Crowdfunding-Aktion. Bohmeyers Vision: Er wollte einer Person ein Jahr lang 1000 Euro pro Monat als bedingungsloses Grundeinkommen auszahlen – um zu sehen, wie das deren Leben verändern würde. Bekannte und Freunde hatten die Idee für Irrsinn gehalten. Doch dann war der Erfolg so groß, dass Bomeyer selbst davon überrascht war. Innerhalb von drei Wochen hatte er 12.000 Euro für das erste Grundeinkommen zusammen.

Bedingungsloses Grundeinkommen für alle

Bis heute werden über sein Internetportal „Mein Grundeinkommen“ Spenden gesammelt, in diesem Juli ist bereits zum 14ten Mal das jährliche Grundeinkommen vergeben worden. Um eine Chance darauf zu haben, muss man nichts weiter tun, als sich für die Verlosung anzumelden. Absolut jeder, der sich ein kostenloses Profil auf der Plattform anlegt, kann daran teilnehmen. Bei der Anmeldung wird man zwar gefragt, was man im Falle eines Gewinns tun würde. Auf die Vergabe hat das aber keinen Einfluss, egal ist auch, ob man für das Projekt gespendet hat. Es soll eben genau nicht darum gehen, dass man vorab etwas leisten oder wie bei einem Stipendium um eine Förderung wetteifern soll. Bohmeyer geht einfach davon aus, dass grundsätzlich jeder das Grundeinkommen verdient hat – und das Potential, etwas daraus zu machen.

Am liebsten wäre es Bohmeyer, wenn alle ein solches Einkommen hätten. In einer Video-Botschaft erklärt er, warum er das für sinnvoll hielte: „Wir leben in einer Wissensgesellschaft, und in der geht es darum, kreative, kluge Arbeit zu machen, und um die Ecke zu denken.“ Alles andere würden nach und nach sowieso die Maschinen erledigen. Um kreativ arbeiten zu können, brauche man aber die Sicherheit und die Freiheit dafür. „Und die kommt meiner Meinung nach durch ein Grundeinkommen“, so Bohmeyer weiter.

Grundeinkommen könnte sinnvolle Arbeit begünstigen

Während Kritiker fürchten, dass bei einem bedingungslosen Grundeinkommen nicht mehr genügend Menschen arbeiten gehen würden, sind andere überzeugt: Man würde bessere und für die Gesellschaft sinnvollere Arbeit leisten, wenn man sie trotz Grundeinkommen tut, also freiwillig. Nicht bloß Utopisten und Träumer, sondern auch mehrere Ökonomen und Politiker befürworten ein bedingungsloses Grundeinkommen und halten es für umsetzbar.

In der Video-Dokumentation „Grundeinkommen“ sprechen sich unter anderem Klaus Wellershoff, ehemaliger Chefökonom der Schweizer Großbank UBS, Katja Kipping, Parteivorsitzende der Linken, und Götz Werner, Gründer der dm-Drogeriemarktkette, dafür aus. Es werden darin außerdem philosophische Fragen aufgeworfen. Etwa die, ob das Geld für eine würdige Existenz nicht ein Menschenrecht sein sollte – und deshalb bedingungslos zu beziehen. Der Film benennt aber auch Risiken: Würde man das Grundeinkommen zu niedrig ansetzen, und gleichzeitig sämtliche sozialen Leistungen streichen, würde das Armut und Elend nicht lindern, sondern vergrößern.

100 Grundeinkommen sollen verlost werden

Wie das Grundeinkommen eine Gesellschaft tatsächlich verändern würde, weiß bisher niemand. Bohmeyers Experiment gibt zumindest Hinweis darauf: Der monatliche Geldfluss verführte seine bisherigen Gewinner keinesfalls zu Faulheit oder Lethargie. Sie nutzten die Sicherheit ganz einfach dazu, um ihr Leben auf sinnvolle Art und Weise zu verbessern. „Ich bin wahnsinnig glücklich und fühle mich voller Tatendrang“, so schilderte Micha, der erste Gewinner, seine Reaktion. Jetzt könnte er endlich Dinge tun, die ihm „am Herzen liegen.“ Den frustrierenden Callcenter-Job will er kündigen, um seinen Traum von einer Erzieherausbildung zu verwirklichen. In seinem neuen Beruf würde Micha der Gesellschaft einen Dienst erweisen und – vielleicht auch deshalb – Erfüllung darin finden. Auf Telefonmarketing aus dem Callcenter hingegen könnte die Menschheit ganz gut verzichten.
Auch ein achtjähriger Junge gehört zu den Gewinnern. Das Grundeinkommen kommt seiner ganzen Familie zugute. Es werde zu Hause jetzt mehr gelacht, sagt die Mutter – seit die ständigen Sorgen ums Geld einfach weg sind.

Auch in anderer Hinsicht ist „Mein Grundeinkommen“ ein voller Erfolg. Es fanden sich mehr Unterstützer, als Bohmeyer je zu hoffen gewagt hatte. Statt ursprünglich einem will er daher nun insgesamt 100 Grundeinkommen vergeben. Was sind diese selbstlosen Spender für Menschen? Ganz einfach solche, die die Idee genauso gut finden, wie Bohmeyer selbst. Auf der Internet-Seite geben einige von ihnen an, was sie mit ihrer Spenden bewirken wollen („Leiden lindern“), und aus welchen Gründen sie spenden: „Weil es Sinn macht“, schreibt jemand, ein anderer „einfach so.“

In Finnland könnte das Grundeinkommen bald Realität werden

Inzwischen hat Bohmeyer sogar neue Modelle zur Finanzierung entwickelt. Unterstützer können sich eine Erweiterung für den Internetbrowser herunterladen, die sogenannte CrowdBar. Will man nun bei einem kooperierenden Onlineshop einkaufen, kann man sich vorher über einen Werbelink auf Bohmeyers Plattform leiten lassen – die Shops zahlen dann etwa fünf Prozent Provision, die in neue Grundeinkommen fließt.

Bohmeyers Vision, sie könnte bald schon von der Realität überholt werden. Die neue finnische Regierung, so wurde vor kürzlich bekannt, will es wagen – und ein Experiment zum bedingungslosen Grundeinkommen starten. irh

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