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    Verschiedene MyBoo-Modelle: Wer es wirklich exquisit haben will, der sollte sich nach einem Bambusrad umschauen.
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    Bambusrahmen sind in sich stoßdämpfend. Die Räder fahren sich deshalb komfortabler als solche mit Alumium oder Carbon.
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    Vor allem Ästheten und Individualisten aber auch ökologisch denkende Menschen legen sich Bambusräder zu.
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    Vorratsregal mit Bambusrohren: Anders als ein industrielles Rahmenrohr, variiert Bambus permanent in seinen Maßen.
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    Die Rahmer aller MyBoo-Räder werden in Handarbeit in Ghana gefertigt.
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    MyBoo kooperiert in dem westafrikanischen Land mit dem Yonso Project, das Mikrokredite für Frauen sowie Schulstipendien vergibt.
25.02.2016|Bessermacher
MyBoo

Fahrräder aus Bambus

MyBoo – Nein, Fahrräder aus Bambus sind nicht wirklich neu. Aber das, was das Kieler Start-up MyBoo auf die Radwege bringt, ist schon eine Besonderheit: Die Rahmen kommen aus Ghana und werden dort fair hergestellt. Und auch sonst sind die Räder absolut auf der Höhe der Zeit.

Es wird immer schwieriger, sich im urbanen Verkehr als hipper Radler zu positionieren. Single-Speeder sind schon längst Mainstream, auch das elend schwere Armeerad aus schweizerischen Altbeständen ist kaum noch einen Hingucker wert, geschweige denn das Carbon-Fully. Das Fatbike mit seinen extra breiten Reifen sorgt eher für Befremden, das Lastenrad mit quietschenden Kids drin ist schon besser, aber wer es wirklich exquisit haben will, der sollte sich nach einem Bambusrad umschauen.

Robust und steif: Bambus

Bambus ist eine erstaunliche Pflanze: Sie wächst extrem schnell und hoch, weshalb die Stämme stabil, steif und doch elastisch sein müssen. Innen hohl, wird daraus ein höchst interessantes Ausgangsmaterial für die Rahmenrohre eines Fahrrades, denn genau diese Eigenschaften sind hier gefordert. Hinzu kommt die hohe Bruchsicherheit und die harte Oberfläche, die Kratzer entweder vermeidet oder optisch elegant kaschiert. Und: Beim Wachsen bindet Bambus überdurchschnittlich viel Kohlenstoffdioxid. Es ist ein nachwachsender Rohstoff mit langlebigen Eigenschaften.

Ideal eigentlich, wäre da nicht das Dilemma aller Naturprodukte: Bambus ist nicht normierbar. Anders als ein industrielles Rahmenrohr, das immer gleich aus dem Extruder oder aus der Form kommt, variiert das Bambusrohr permanent in seinen Maßen. Vor diesem Hintergrund ein quasi-industrielles Produkt wie ein Fahrrad zu konzipieren, ist schon eine Herausforderung. Auf der anderen Seite stellt jedes Rad ein Unikat dar.

Produktion in Ghana

Auch die Räder des Kieler Start-ups MyBoo sind gewissermaßen Einzelstücke – zumindest was den Rahmen betrifft. Alle anderen Komponenten sind State of the Art und kommen von internationalen Zulieferern. Die Endmontage findet in Kiel statt, während die Rahmen in Zentralghana gefertigt werden – dort, wo der Bambus spriest. MyBoo kooperiert mit der dortigen Initiative, dem Yonso Project, das beispielsweise Mikrokredite für Frauen sowie Schulstipendien vergibt – und dies unter anderem aus den Erlösen der fairen Rahmenproduktion finanziert.

Genau dieser Kontext macht die MyBoo-Räder zusätzlich interessant: Wer eines der schicken Räder erwirbt, unterstützt das ghanaische Projekt und finanziert ein einjähriges Schulstipendium, Verlängerungsoption inklusive. Eine prima Sache also, die sich die beiden ehemaligen BWL-Studenten Maximilian Schay und Jonas Stolzke da ausgedacht haben. 2012 hatten sie die ersten Ideen dazu, als ein Freund sein Freiwilliges Soziales Jahr in Ghana absolvierte und dort Bambusräder entdeckte.

Yonso Project baut

Nach der sorgfältigen Auswahl der Bambus-Rohre kommen die Bauteile in die Rahmenbau-Vorrichtung, die alle Elemente an der richtigen Stelle fixiert. Dazu gehören auch Lenker- und Sattelhülse, Tretlager-Rohr und die Ausfallenden für das Hinterrad. Diese Aluminium-Teile werden von der Stiftung Mensch in Deutschland produziert und in Yonso verbaut. Damit die einzelnen Rahmenrohre und Alu-Komponenten kraftschlüssig verbunden sind, umwickelt man sie an den Schnittstellen mit Hanfseilen und tränkt dies mit Epoxidharz. Nach der Aushärtung folgt das Schleifen der Oberflächen und die standardmäßig farblose Lackierung, um den Rahmen noch wetter- und salzfester zu machen. In Deutschland dann montiert man die Komponenten dazu – also Schaltung, Bremsen, Lenker und die Gabel.

Alles bestens? Jein. Während Hanf und Bambus ökologisch korrekt sind, lässt sich dies vom Epoxidharz nicht unbedingt sagen. Petrochemisch hergestellt, steht das Zweikomponenten-Material nicht gerade für Umweltfreundlichkeit und verlangt Schutzmaßnahmen bei der Verarbeitung. Dieses Dilemma lässt sich nur mit Harzen, die ebenfalls auf nachwachsenden Rohstoffen basieren, lösen – die aber befinden sich noch in der Entwicklung.

Auffällige Optik

Eines ist gewiss: Mit dem Bambusrad fällt man in der Menge der Radler immer auf. Es regt zu Diskussionen an, polarisiert aber auch (siehe Kurz-Interview), denn die dicken Rohre und die voluminösen Verbindungen passen nicht zu jeder ästhetischen Vorstellung. Liebhaber schlanker Stahlrahmen oder feinster Schweißnähte werden sich eher abwenden, aber wer das Besondere sucht, ist hier bestens aufgehoben – auch, weil sich eine soziale Geschichte dazu erzählen lässt. Und wer glaubt, MyBoo würde nur Modelle für Gelegenheits-Langsam-Cruiser-Aufrechtsitzer bauen, der liegt falsch. „my Todzie“ ist sportlich konzipiert, mit Zweigang-Automatik ausgerüstet; „my Densu“ bietet Rennrad-Feeling mit 9-Gang-Kettenschaltung und passendem Lenker. „my Pra“ geht eher als komfortables Damenrad durch, während „my Tano“ als Tourenrad mit hydraulischen Scheibenbremsen verzögert. Alle Räder sind sonst minimal ausgestattet, lassen sich aber mit Licht, Gepäckträger und Schutzblechen ausrüsten. Letztere natürlich auch aus Bambus. Stilgerecht finden sich noch Holzpedale mit Skateboard-Oberfläche und gefederte Holzgriffe im Angebot.

Noch in der Planung befindet sich ein Pedelec mit Mittelmotor – dessen Integration in den Rahmen muss noch im Detail gelöst werden. Alle Räder sind auf Materialermüdung entsprechend der EU-Norm EN 14764 geprüft und strukturell für mindestens 20 Jahre Nutzung konzipiert. Die Preise halten sich übrigens im Rahmen dessen, was heute für ein hochwertiges Fahrrad investiert werden sollte: „my Tano“ beispielsweise ist laut Liste für 1990 Euro zu haben. Übrigens profitiert auch der Fahrkomfort vom Material: Bambusrahmen sind in sich stoßdämpfend.

Recherche: Benedikt Betz, Text: Armin Scharf

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