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    Polarstern-Gründer Simon Stadler, Jakob Assmann, Florian Henle: „Wir wollten was Sinnvolles machen.“
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    Laufwasserkraftwerk Feldkirchen am Inn: Saubere Bezugsquelle
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    Biogasanlage in Káposvar, Ungarn: 240.000 Kubikmeter Biogas pro Tag
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    Bau einer Mikro-Biogasanlage in Kambodscha: „Bisher haben wir circa 4000 Menschen eine Biogasanlage ermöglicht“ (Florian Henle).
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    Gaskocher in einem kambodschanischen Haushalt: 800 Liter Methan reichen, um einen kleinen Herd vier Stunden lang zu betreiben.
25.06.2015|Bessermacher
Polarstern

Energiewende richtig umsetzen

Polarstern – Als einziger Öko-Energieversorger bietet Polarstern Biogas aus landwirtschaftlichen Abfallprodukten an und setzt damit ein Zeichen gegen den großflächigen Anbau von Energiepflanzen. Mit seinen Einnahmen leistet das Münchner Unternehmen Entwicklungshilfe in Kambodscha.

Mit Öko-Strom und Gas aus nachwachsenden Rohstoffen werben inzwischen praktisch alle Energieversorger um umweltbewusste Kunden. Die einen voller Überzeugung, die anderen eher widerwillig. So bietet EnBW seit 2010 Biogas zum Heizen an, das vollständig aus Mais- und Grassilage gewonnen wird.

Klingt erstmal gut. Der Haken ist aber: Seit Jahren gehen Grünland und wertvolle Anbauflächen für Lebensmittel verloren, weil darauf nun Energiepflanzen angebaut werden. Mais-Monokulturen prägen in vielen ländlichen Gegenden das Bild – auf Kosten der Artenvielfalt. Dabei lassen sich doch auch Speisereste, Müll und Abfallprodukte aus der Landwirtschaft zu Biogas vergären.

Biogas aus organischen Reststoffen

Dass die Energiewende richtig umgesetzt eine feine Sache ist, dachten sich auch Jakob Assmann, Florian Henle und Simon Stadler. „Von der Ausbildung her hätten wir alle drei problemlos hochbezahlte Jobs als Unternehmensberater oder Investmentbanker bekommen können“, sagt Henle. „Aber wir wollten lieber was Sinnvolles machen.“ Also gründeten sie im Sommer 2011 unter dem Eindruck der Atomkatastrophe von Fukushima den Öko-Energieversorger Polarstern.

Die Münchner Firma bietet als derzeit einziges deutsches Versorgungsunternehmen Heizgas aus 100 Prozent organischen Reststoffen an. „Das Biogas stammt aus einer Anlage im ungarischen Kaposvár“, berichtet Henle. Dort betreibt der österreichische Agrana-Konzern eine große Zuckerfabrik, bei der täglich gut 1700 Tonnen Rübenschnitzel und -kraut anfallen.

Theoretisch könnten diese Abfallprodukte an Schweine verfüttert werden, so Henle. Aber das sei seit einigen Jahren verboten. Seit 2007 vergärt die Zuckerfabrik deshalb täglich etwa 860 Tonnen Rübenreste in der hauseigenen Biogasanlage. „Die daraus gewonnene Biogas-Menge beträgt bis zu 240.000 Kubikmeter pro Tag“, sagt Agrana-Pressesprecher Markus Simak. Davon werde das Werk versorgt – und ein Teil ins europäische Erdgasnetz eingespeist.

Saubere Bezugsquelle

Ähnlich hohe Maßstäbe legen Henle und seine beiden Geschäftspartner auch an ihre Stromzulieferer an: „Den Strom beziehen wir von einem Laufwasserkraftwerk in Feldkirchen am Inn“, sagt Henle. Dieses gehört dem österreichischen Stromproduzenten „Verbund“, der 120 Wasserkraftwerke betreibt und daraus 90 Prozent seiner gesamten Energiemenge erzeugt.

Wegen dieser sauberen Bezugsquelle, hat der Verein EnergieVision das OK-Power-Label an Polarstern vergeben. Dieses Ökostrom-Siegel verlangt, dass die zertifizierten Versorgungsunternehmen den Neubau von Wind- und Wasserkraftwerken unterstützen, um so die Energiewende voranzutreiben. Allerdings: „Da die Kundenzahl noch im unteren vierstelligen Bereich liegt, ist eine eigenständige Neuanlagenförderung über die Nachfrage“ bei Polarstern „derzeit marginal bzw. nicht vorhanden“, schrieb die Umweltschutzorganisation Robin Wood schon 2013 in ihrem Ökostrom-Recherchebericht. Daran scheint sich bis heute nicht viel geändert zu haben.

Entwicklungshilfe in Kambodscha

Dafür aber treibt Polarstern die Energiewende in Kambodscha voran. In dem armen südostasiatischen Staat kocht die Landbevölkerung noch überwiegend mit Feuerholz. „Die Regenwälder sind bedroht, die Böden auf den gerodeten Flächen werden erodiert und der Klimawandel wird sprichwörtlich befeuert“, fasst Florian Henle die Folgen zusammen. „Hinzu kommt noch: Der ständige Qualm in den Bauernhäusern führt über kurz oder lang zu Atemwegserkrankungen.“

Abhilfe verschafft Polarstern, indem das Unternehmen den Bau von Mikro-Biogasanlagen fördert. „Darin vergärt der Mist von Rindern und Schweinen zu Methan“, sagt Henle, „und damit werden dann ein Gasherd und Gaslampen betrieben.“ Pro Kundenvertrag und Jahr unterstütze Polarstern das Nationale Biogas-Programm (NBP) der kambodschanischen Regierung mit 20 Euro. Das Geld diene als Anschubfinanzierung. Den Rest finanzieren die Bauernfamilien über zinsgünstige Mikrokredite selbst. Es kommen also nur kreditwürdige Farmer infrage.

Und es gibt noch eine weitere Teilnahmebedingung: Nur Familien, bei denen täglich mindestens 20 Kilogramm Mist anfallen, können eine Biogasanlage betreiben. „Dazu reichen aber schon zwei Rinder oder vier Schweine“, sagt Henle. 800 Liter Methan vergäre eine Mikro-Biogasanlage daraus – genug, um einen kleinen Herd vier Stunden oder eine Gaslampe zehn Stunden lang zu betreiben. „Bisher haben wir circa 4000 Menschen in Kambodscha eine Biogasanlage ermöglicht“, zieht Henle Bilanz. Jeden Monat würden 50 weitere Fermenter hinzukommen. haw

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