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    Im Wikipedia-Zeitalter kommen immer mehr Wissenschaftler auf die Idee, ihre Mitmenschen zur Mitarbeit einzuladen.
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    Hobbyastronomen entdecken neue Objekte
02.07.2015|Wohnen + Leben
Citizen Science

Selber denken, selber forschen

Citizen Science – Wissenschaft ist viel zu wichtig und interessant, um sie allein den Experten zu überlassen. Das Internet und billige Laborgeräte lassen den Abstand zwischen professionellen Forschern und neugierigen Laien schwinden.

Um als Sternenkundler Furore zu machen, braucht man keinen akademischen Titel. Heutzutage ist nicht einmal mehr ein eigenes Fernrohr nötig: Die junge niederländische Lehrerin Hanny van Arkel entdeckte 2007 auf einem Foto des Nachthimmels einen bis dahin unbekannten Fleck. Der rätselhafte grüne Punkt, etwa 700 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt, heißt jetzt ganz amtlich „Hannys Objekt“.

Das Bild hatte Chris Lintott von der Universität Oxford ins Netz gestellt: Der Astrophysiker wollte wissen, welche Galaxien elliptisch und welche spiralförmig sind – und er hatte sich ausgerechnet, dass er allein mehr als 80 Jahre für die Sichtung der Daten brauchen würde. Zur allgemeinen Überraschung beteiligten sich an dem Internetprojekt Galaxy Zoo dann rund 300.000 Freiwillige aus aller Welt, die 200 Millionen Fotos auswerteten.

1,3 Millionen Teilnehmer bei Zooniverse registriert

Im Wikipedia-Zeitalter kommen immer mehr Wissenschaftler auf die Idee, ihre Mitmenschen zur Mitarbeit einzuladen. Allein auf der Internetplattform Zooniverse, die aus dem Galaxien-Zoo hervorging, haben sich mittlerweile mehr als 1,3 Millionen Teilnehmer für Forschungsprojekte registriert.

Im Juni 2014 nahm das Oxford English Dictionary einen neuen Begriff auf, der sich seit ein paar Jahren von den USA und England aus um die Welt verbreitet: Citizen Science. Das ehrwürdige Wörterbuch versteht darunter „wissenschaftliche Arbeit von Angehörigen der breiten Öffentlichkeit, oft in Zusammenarbeit mit oder unter der Anleitung von professionellen Wissenschaftlern und Forschungsinstitutionen“.

Kommen die Dilettanten wieder?

Die Bezeichnung mag neu sein – die Sache ist alt: Historisch waren zu Beginn der Wissenschaft interessierte Laien vor den Fachleuten da. Zum Beispiel der Mönch Gregor Mendel, der die Vererbungsregeln fand. Oder der Kaufmann Heinrich Schliemann, der Troja ausgrub. Der Prediger Joseph Priestley, der den Sauerstoff entdeckte. Der Diplomat Otto von Guericke, der die Vakuumtechnik begründete. Oder auch Charles Darwin: Der Evolutionstheoretiker hatte nur Theologie und ein bisschen Medizin studiert, denn viel mehr gab es damals an den Universitäten nicht zu lernen.

Im 18. Jahrhundert, zur Zeit der Aufklärung, war Forschung das Hobby von gebildeten Privatleuten. Reiche Familien vergnügten sich mit Mikroskopen und Elektrisiermaschinen. Das Wort „Dilettant“ stammt schließlich vom lateinischen delectare ab: „sich erfreuen“.

Elitäre Wissenschaft

Als dann die wissenschaftlichen Geräte immer größer und teurer, die Forschungsgegenstände aber immer kleiner oder vom Alltag entfernter wurden, nahm das Ansehen der Wissensamateure stark ab. An den Hochschulen vermehrten sich die Lehrstühle.

Schließlich galt der breiten Öffentlichkeit als echter Wissenschaftler nur noch, wer eine einschlägige, staatlich anerkannte Ausbildung absolviert hat, Forschung als Beruf betreibt und eine bloß Eingeweihten verständliche Fachsprache beherrscht. Heute wird als „dilettantisch“ eine stümperhafte Pfuscherei geschmäht. Das könnte sich nun durchaus wieder ändern.

Forschen war noch nie so einfach

Für die pauschale Missachtung von Privatgelehrten, wissenschaftlichen Vereinen und Bürgerinitiativen gibt es eigentlich keinen Grund mehr. Bücher und Statistiken wandern aus den Universitätsbibliotheken ins Netz: gleiches Wissen für alle. Gleichzeitig werden Laborausrüstungen, Metallsonden und andere Instrumente erschwinglicher. Digitalkameras und Smartphones mit GPS-Empfängern erleichtern das Datensammeln ungemein.

Teilchenbeschleuniger, Fusionsreaktoren und Mars-Raketen sind wohl immer noch großen internationalen Projekten vorbehalten – ansonsten können sich aber zumindest die weltweit rund 2000 Milliardäre mehr leisten als die klammen Universitäten, denen es durchs Dach regnet.

Jedenfalls haben neugierige Nichtfachleute immer öfter Zugriff auf fast die gleichen Ausgangsdaten und Arbeitsgeräte, die auch den professionellen Forschern zur Verfügung stehen. Oft können sich Amateure sogar intensiver in ein Thema einarbeiten als hauptamtliche Experten, die sich mit Universitätsreformen, dem Zählen von Zitaten in Fachzeitschriften, Drittmittel-Werbung und anderen Ablenkungen herumschlagen müssen.

Grenzenlos wie das Leben

Gerne befassen sich Wissensbürger mit naheliegenden Angelegenheiten, für die sich die zusehends international ausgerichteten Forscher an den Universitäten nicht interessieren oder die sie aufgegeben haben – etwa mit traditioneller Naturkunde oder mit Regionalgeschichte. Das Netzwerk Miss Marples Schwestern etwa vereint feministische Gruppen mit dem Ziel, „jeweils vor Ort mit kriminalistischem Spürsinn nach Frauengeschichte zu suchen, um Quellen und Materialien entgegen der HERRschenden Geschichtsanalyse aufzuspüren“. Wer von vornherein weder Stelle noch Budget zu verlieren hat, muss sich nicht an Autoritäten oder Lobbys orientieren und kann ganz unbefangen nachfragen, ob zum Beispiel Handystrahlen wirklich gesund sind oder ob Wirtschaftswachstum unbedingt sein muss.

Der emeritierte Professor Peter Finke, der sich an der Universität Bielefeld rund zehn Jahre lang mit Bürgerwissenschaft beschäftigte, sieht den Hauptvorteil von „Citizen Science“ in ihrer „anarchischen Qualität, ihrer im Vergleich zur Profiwissenschaft beneidenswerten Freiheit, ihrer Selbstorganisiertheit“. Laien müssten sich nicht in immer weltfremdere Unterthemen hinein spezialisieren und könnten leichter über die Ränder der etablierten Disziplinen hinaus denken, erläutert der Wissenschaftstheoretiker: „Der Kenner der Nachtschmetterlinge muss sich zwangsläufig auch mit Fledermäusen, Flächenversiegelung, Verkehr, Landwirtschaft, EU-Politik, Lichtverschmutzung, Klimawandel und vielen anderen Erscheinungen des alltäglichen Wandels um uns herum befassen; er tut dies freiwillig und von Fakultätsgrenzen unbehindert.“

Raus aus dem Elfenbeinturm

Es gab immer wieder Anläufe, die Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm zu holen. Zur Mao-Zeit wurde in China die „Einbeziehung der Massen“ propagiert. Westliche Beobachter staunten vor allem über Barfußärzte und Versuche zur Erdbeben-Vorhersage aufgrund von ungewöhnlichem Tierverhalten. Ob kulturrevolutionäre Arbeiter und Bauern wirklich jemals forschten und ob die „wissenschaftliche Landwirtschaft“ zu mehr als nur katastrophalen Missernten führte, ist bis heute umstritten.

Ebenfalls in den 1970er Jahren wurden von den Niederlanden ausgehend an vielen Orten „Wissenschaftsläden“ eröffnet, die zwischen Eierköpfen und Gesellschaft vermitteln sollten. Wäre es nicht schön, wenn Forscher mit „gewöhnlichen“ Menschen ins Gespräch kämen und sich auch um praktische Probleme kümmern würden? Die meisten dieser Initiativen sind mittlerweile wieder verschwunden; in Deutschland hat nur eine Handvoll überlebt. Der Wissenschaftsladen Tübingen zum Beispiel bietet unter anderem Beratung zu Schadstoffen.

Lob und Preis den Privatgelehrten

Nun bewegt das Schlagwort Citizen Science die Wissenschaftspolitik und die großen Forschungsorganisationen. Den Durchbruch brachte möglicherweise Foldit, ein ab dem Jahr 2008 von der Universität Washington zur Verbesserung von Protein-Faltungssoftware entwickeltes Puzzle-Computerspiel: Rund 236.000 Mitspieler halfen dort nebenbei, innerhalb von drei Wochen ein HIV-Protein zu entschlüsseln, das Forscher zuvor in 15 Jahren Arbeit nicht gefunden hatten. Derartige Erfolge müssten doch auch auf anderen Gebieten möglich sein?

Die EU-Kommission hat sich ein Grünbuch schreiben lassen zum Thema „Citizen Science für Europa. Auf dem Weg zu einer besseren Gesellschaft von ermächtigten Bürgern und verbesserter Forschung“; ein Weißbuch dazu folgt demnächst und auch im EU-Forschungsförderprogramm Horizon 2020 wird Bürgerwissenschaft vorkommen. Für Österreichs Wissenschaftsministerium ist „Bürgerbeteiligung an wissenschaftlichen Projekten“ eines von sechs Schwerpunktfeldern seines Forschungsaktionsplans.

In Deutschland fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung bis 2016 mit rund 800.000 Euro „Aktivitäten von Bürgern, die aktiv zur Vermehrung von wissenschaftlicher Erkenntnis beitragen“. Konkret geht es dabei um das GEWISS-Konsortium, zu dem sich elf Leibniz-Institute und andere Forschungseinrichtungen zusammengeschlossen haben. Dieser Verbund wird wie die dazugehörende Internetplattform „Bürger schaffen Wissen“ vom Berliner Museum für Naturkunde gemanagt.

Experten fragen, Bürger antworten

Mitforscher werden von GEWISS für bereits mehr als 30 Projekte gesucht, zum Beispiel für die Kartierung des gefährlichen Kaukasischen Riesenbärenklaus, für den deutschen „Mückenatlas“ zur Zählung der Blutsauger-Arten, für die Erfassung der Lichtverschmutzung mit einer Smartphone-App oder auch für die spielerische Verschlagwortung der Bilderdatenbank ARTigo. Besonders bei der zeitraubenden Auswertung von Fotos sind Menschen nach wie vor besser als Roboter.

Etwa drei bis fünf Prozent der Bevölkerung könnten für eine engere Kooperation gewonnen werden, hofft Johannes Vogel, der Generaldirektor des Berliner Naturkundemuseums und Vorsitzende der neuen European Citizen Science Association. Sie könnten Rechenleistung ihrer Computer zur Verfügung stellen, an Umfragen teilnehmen und Daten erheben, Proben auswerten oder auch eigene Forschungsfragen formulieren. In zehn Jahren werde jede Universität, jede Wissenschaftseinrichtung zumindest einen Citizen-Science-Beauftragten haben, erwartet Vogel: „Jeder hat das Zeug zum Forscher! Wissenschaft ist nicht nur für Männer in weißen Kitteln.“

Offene Fragen

Der Hype um wissensdurstige Bürger ist so groß, dass sich manche Doktoranden schon sorgen, unbezahlte, aber hoch motivierte Hobbyforscher könnten ihre Arbeitsplätze bedrohen. Auf der ersten internationalen Konferenz zu Citizen Science, im Februar 2015 im Silicon Valley, gab es daher auch kritische Stimmen.

Zu dieser Veranstaltung am Rande des Jahrestreffens der American Association for the Advancement of Science, der weltweit größten wissenschaftlichen Gesellschaft, kamen 600 Teilnehmer aus 25 Ländern. Sie diskutierten Fragen, die noch weitgehend ungeklärt sind: Wer hat das Urheberrecht auf die Erkenntnisse? Wie können die zum Teil großen Datenmengen langfristig gespeichert werden? Und wie sieht es mit dem Schutz privater Daten aus, etwa von Patienten?

An derartigen Problemen wird sich dieses Jahr in Deutschland auch eine Reihe von „Dialogforen“ abarbeiten, die von GEWISS in verschiedenen Städten veranstaltet werden, um einen Leitfaden und die für 2016 angekündigte „Citizen Science Strategie 2020“ vorzubereiten. Zum Beispiel soll es am 4. und 5. Mai in der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften in Hamburg um Datenmanagement und rechtliche Aspekte gehen.

Was taugt Forschung von Laien?

Manche Wissenschaftler zweifeln nicht am guten Willen, aber an der Qualität der Bürgerforschung. Die im Januar 2015 veröffentlichte Studie „Citizen Science in der Schweiz“ findet dagegen: „Mit guten Eingabemasken und einer grossen Anzahl Teilnehmenden können auch mit Laien relevante Daten gesammelt werden.“ Sobald Fachwissen benötigt werde, steige zwar die Fehlerrate, aber dem könne man mit Lehrfilmen und Leseempfehlungen abhelfen.

Wer bei dem Vogel-Monitoring der Schweizer Vogelwarte Sempach mitmachen will, muss sogar erst einen Kurs absolvieren – was 2000 aktive Teilnehmer nicht abgeschreckt hat. Für die meisten Projekte könne „ein Algorithmus programmiert werden, der sehr unwahrscheinliche Daten automatisch herausfiltert“. Und wenn zum Beispiel die „Dialäkt Äpp“, mit der Phonetiker der Universität Zürich die Dialektvielfalt in der Deutschschweiz erforschen, in zwei Jahren mehr als 70.000mal aufgerufen wird, dann werden dabei „so viele Daten gesammelt, dass Fehleingaben statistisch irrelevant werden“.

Mehr als bloss billige Hiwis

Helfer, die für die Profis fleißig und ehrenamtlich Daten zusammentragen: Für Wissenschaftstheoretiker Peter Finke ist das nur „Bürgerwissenschaft light“, denn die Fragestellungen, die Kontrolle und Auswertung der Ergebnisse bleiben dabei den etablierten Experten. Finkes Sympathie gilt mehr der von Bürgern selbst organisierten Wissenschaft: Unbelastet von Bürokratie, Prestigekämpfen und Wirtschaftsinteressen könnten unabhängige Amateurforscher sich auf „lebensnahe Inhaltsfelder“ stürzen, dabei betriebsblinde Fachleute korrigieren und die Zivilgesellschaft stärken.

Was Tüftler heute alles können, ist spektakulär in der synthetischen Biologie zu sehen. Gen-Kanonen, die DNA mit Hilfe kleiner Goldpartikel in Zellen schießen, waren lange professionellen Laboren vorbehalten. Seit es dem Biologen Rüdiger Trojok gelungen ist, derartige Geräte zum Preis von nur 50 Euro zu bauen, kann man auch zu Hause mit neuen Lebensformen experimentieren. Das Ars-Electronica-Center im österreichischen Linz, das gerade eine Ausstellung zum Thema Biohacking zeigt, sieht dabei „höchst sensible ethische Fragen und Sicherheitsaspekte“.

Wer kontrolliert Biohacker?

Finke hält Freizeit-Gentechnik durchaus für riskant. Bürger-Forschung sei nicht per se gute, gefahrlose Wissenschaft: „Die Gefahr, Aufschneidern, Pfuschern oder Scharlatanen aufzusitzen, ist größer als in der professionellen Wissenschaft.“ Das Fehlen von Kontrolle durch Konkurrenten und Reglementierung durch Aufsichtsbehörden könne auch ein „Einfallstor für Heilslehren und Verantwortungslosigkeit“ sein.

Allerdings würden „die gravierendsten Gefahren der Wissenschaft zweifellos bei den Profis bestimmter Fachgebiete liegen“. Es gebe „genug Berufswissenschaftler, die keine großen Geister sind“. Die Experten müssten dringend kontrolliert werden – und wer sollte das können, wenn nicht möglichst kenntnisreiche Laien? Dazu müsse das allgemeine Bildungsniveau gehoben und die Unterfinanzierung des Bildungswesens beendet werden.

Richtig spannend wird es, wenn Wissensbürger zu Ergebnissen kommen, die der etablierten Wissenschaft widersprechen. Zum Beispiel wollen Hobby-Archäologen in Baden-Württemberg mehr als 30 prähistorische Stufenpyramiden gefunden haben. Die staatlichen Denkmalämter sind dagegen fest davon überzeugt, dass es östlich des Elsass keine Megalith-Monumente gebe – sie erteilen dafür keine Grabungsgenehmigungen, denn was es nicht gibt, muss auch nicht erforscht werden. Wenn sich einmal herausstellen sollte, dass die Amateure doch recht haben, wäre den Profis jedenfalls Gelächter und Schadenfreude gewiss. mte

Plastikmüll

Es ist überall, es ist praktisch, es ist vielseitig. Die schiere Menge ist unglaublich. Plastik. 251 Milliarden Tüten aus dem wunderbaren Problemstoff verbrauchen EU-Bürger jährlich, im Pazifik schwimmt ein ganzer Kontinent aus Müll und etwas dagegen unternehmen kann man nicht. Oder?  

FOOD – Ökologien des Alltags

Kunst wird politischer, mischt sich ein in drängende Fragen unserer Zeit. So auch die diesjährige 13. Triennale Kleinplastik in Fellbach. Die auch international beachtete Triennale hat diemal das Thema  "FOOD – Ökologien des Alltags" und ist in der Alten Kelter in Fellbach bei Stuttgart zu sehen.

Algen statt Plastik

Plastikmüll - Plastik ist allgegenwärtig. Es dient als Verpackungsmaterial für so ziemlich alles. Das Resultat sind unglaubliche Mengen an Abfall. Abfall, der nicht verschwindet. Damit das nicht so weitergeht, hat ein isländischer Produktdesigner eine Wasserflasche aus Algen entworfen, die vollständig biologisch abbaubar ist.

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