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    Bitcoin: Zentralbanker betrachten die digitale Währung als Bedrohung.
19.02.2016|Wohnen + Leben
Bitcoin

Netzwerk der Zukunft

Bitcoin – In Zukunft könnte die Bitcoin-Technologie für Verifizierungsaufgaben aller Art genutzt werden. Zentralbanker fühlen sich durch dezentrale Geldschöpfung bedroht.

Trotz aller Kinderkrankheiten wächst unverdrossen die Zahl der Nutzer; erste Bitcoin-Automaten tauchen selbst in Kleinstädten auf; Kioske verkaufen Bitcoin-Gutscheine; in einschlägige Start-Up-Unternehmen wird investiert wie noch nie. In kurzer Zeit hat sich das elektronische Phänomen auf der ganzen Welt verbreitet – und bringt nun Zentralbanker ins Schwitzen. Für Jürg Conzett, lange Jahre Finanzanalyst und nun Direktor des MoneyMuseums in Zürich, war Bitcoin ein ganz neues Thema, in das er sich erst einarbeiten musste. Nun ist er überzeugt: „Bitcoin könnte die Alternative zu Gold werden, als Anker für ein neues, globales Währungssystem.“

Die Zukunft von Bitcoin liege dabei „weniger im Zahlungsmittel, sondern im Netzwerk“, so Conzett weiter. Der Computerverbund werde zahlreiche neue Dienstleistungen hervorbringen: „Mit der Zeit werden Sie damit nicht nur Geld transferieren, sondern auch wichtige Dokumente, digitale Schlüssel und Vertragserfüllungen verwalten können.“ Der eine oder andere Notar darf seinen Arbeitsplatz als gefährdet betrachten. In Zürich nehmen vom Café bis zum Edelmetall-Händler immerhin schon etwa 20 Geschäfte die virtuellen Münzen an. Im ganzen deutschen Sprachraum kann man Bitcoins bei rund 400 Unternehmen loswerden.

Geld ohne Staat und Banken

Seit Geld nicht mehr aus Metall oder Sicherheitspapier, sondern vorwiegend elektronisch aus Nullen und Einsen fabriziert wird, kann im Prinzip jeder versuchen, am Computer etwas Glaubwürdigeres als Dollar & Co. zu schaffen. Tatsächlich gibt es bereits mehr als 1000 private Währungen, die auf digitaler Verschlüsselung beruhen.

Neun davon bringen es mittlerweile auf eine Marktkapitalisierung von jeweils mehr als zehn Millionen Euro. Von Dogecoin zum Beispiel, ursprünglich eine Geldparodie mit dem Hundebild einer japanischen Kindergärtnerin, sind Einheiten im Wert von zwölf Millionen Euro im Umlauf. Die mit Abstand wichtigste Kryptowährung ist Bitcoin mit einem Marktwert von derzeit drei Milliarden Euro. Dahinter folgen die von einer US-Firma herausgegebenen Ripples (381 Millionen Euro) und Litecoins (rund 60 Millionen Euro), die als Kleingeld-Ergänzung zu Bitcoin gedacht sind.

Kollektive Rechner-Währung

Bitcoin ist ein Open-Source-Software-Projekt: Ähnlich wie bei der Wikipedia-Enzyklopädie oder dem Linux-Betriebssystem kann sich daran beteiligen, wer will. Im Jahr 2008 wurde im Internet unter dem Pseudonym Satoshi Nakomoto das Konzept für dieses „elektronische Peer-to-Peer-Geldsystem“ veröffentlicht, das ohne Banken oder andere Zwischenstellen direkte Online-Überweisungen zwischen beliebigen Computern so einfach, schnell und billig wie E-Mails machen soll.

Einzelne Bitcoins sind Kombinationen von Zahlen und Buchstaben. Die für diese Codes notwendigen Berechnungen werden immer schwieriger, je mehr Computer sich an der Geldschöpfung beteiligen – insgesamt ist die Zahl aller möglichen Bitcoins auf 21 Millionen Stück begrenzt. Eine Währung mit eingebauter Deflationstendenz ist auf jeden Fall eine alternative Idee in einer Welt, in der die staatlichen Zentralbanken verzweifelt versuchen, die Kaufkraft des Geldes durch Inflation zu zerstören.

Digitales Steingeld

Vor allem geht die Währung mit dem Kürzel BTC aber ein digitales Grundproblem an: Wie kann verhindert werden, dass eine Zahlungseinheit beliebig kopiert und mehrfach ausgegeben wird? Die Bitcoin-Antwort darauf ist eine Technologie, die „Blockchain“ genannt wird: Alle Transaktionen werden in ein öffentliches, dezentrales Verzeichnis eingetragen, das von allen Nutzern – derzeit mehr als zwei Millionen Menschen in aller Welt – permanent überprüft wird.

Bewegen lassen sich die einzelnen Bitcoins aber nur mit einem privaten Schlüssel, der tunlichst geheim gehalten werden sollte. Jürg Conzett vergleicht diese Lösung mit dem einstigen Steingeld auf den Yap-Inseln im Pazifik: Bei Zahlungen wurden die schweren, meterhohen Scheiben nicht herumgerollt, sondern es wechselte einfach der Eigentümer – und alle Inselbewohner wussten, wem gerade welcher Stein gehört. „Genauso muss der Eigner auch seine Bitcoins nicht in der Hand halten, um sie legitim zu besitzen und damit zahlen zu können“, erklärt Conzett: „Das Netzwerk der Nutzer weiß über die Besitzverhältnisse Bescheid und legitimiert Transaktionen.“ Am Live-Ticker lässt sich verfolgen, wo gerade neue Bitcoins errechnet und wo sie ausgegeben werden.

Herausforderung für Zentralbanken

Das Transaktionsvolumen von rund 40 Millionen US-Dollar, das derzeit pro Tag bei rund 100.000 Bitcoin-Transaktionen bewegt wird, ist noch keine echte Konkurrenz für die 225 Millionen von Western Union, den 500 Millionen von PayPal oder gar den 11,2 Milliarden der US-Kreditkarten. Immerhin wurde damit aber bereits so manche Kleinstaat-Währung überrundet.

Für arme Gegenden könnte das Computergeld besonders wichtig werden: Bitcoin ist in 60 Ländern präsent, die von Visa oder Mastercard ausgeschlossen sind. Ähnlich wie schon beim Internet und der Skype-Telefonie könnten Gastarbeiter zu den ersten Anwendern gehören: Heute müssen sie für internationale Überweisungen oft noch 20 Prozent oder mehr Gebühren berappen. Außerdem haben Menschen in Entwicklungsländern zwar oft kein Bankkonto, aber ein Handy. Bereits heute sollen zum Beispiel in Kenia zwei Drittel der Bevölkerung den Mobilfunk-Geldtransferdienst M-Pesa nutzen – da wäre Bitcoin keine große Umstellung.

Regierungen und Zentralbanker nehmen diese Herausforderung ernst: Von Frankreich bis Hongkong warnen sie vor der „hochgradig riskanten“ Konkurrenz. Die Europäische Bankenaufsicht wies darauf hin, Bitcoins böten nicht den „rechtlichen Schutz“ und die gleichen Garantien wie gesetzliche Zahlungsmittel – was allerdings das Privatgeld für viele Sparer, etwa in Zypern oder Argentinien, erst recht attraktiv machen könnte.

Rückschlag und Anerkennung

Ein schwerer Rückschlag für die Kryptowährung waren Einschränkungen, die China im Jahr 2013 für Banken und Zahlungsdienstleister verhängte. Davor hatte die Volksrepublik für fast die Hälfte des gesamten Bitcoin-Umsatzes gesorgt: Offensichtlich suchten reiche Chinesen eine Alternative zu den Spielcasino-Chips aus Macau, mit denen sie bisher ihre Millionen außer Landes gebracht hatten.

Dass ebenfalls im Jahr 2013 in den USA der Online-Drogenmarktplatz Silk Road geschlossen wurde, scheint dagegen Bitcoin nicht geschadet zu schaden: Eine Schmuddelecke wurde beseitigt, und 144.000 Bitcoins, die vom FBI beschlagnahmt wurden, werden nun nach und nach in einzelnen Tranchen zugunsten der US-Staatskasse versteigert – auch eine Form offizieller Anerkennung.

Bitcoin in manchen Staaten verboten

Die deutsche Bundesbank in Frankfurt am Main veranstaltete im Januar 2015 unter dem kryptischen Titel „P2PFISY 2015“ eine Konferenz zu Peer-to-Peer-Finanzsystemen, die ohne Bundesbank auskommen. Die Juristin Constance Choi berichtete dort, dass mittlerweile 73 Länder Vorschriften zu Bitcoins haben. Die meisten seien noch unschlüssig, ob das Phänomen als Zahlungsmittel oder als Anlageobjekt zu betrachten sei.

Nur wenige Staaten, etwa Thailand und Bangladesch, haben Bitcoin verboten – wobei bisher nicht bekannt wurde, wie denn das Netz in der Praxis abgeschaltet werden soll. Japan dagegen, im vergangenen Jahr Schauplatz der spektakulären Mt.Gox-Börsenpleite, setzt mit einer neuen „Authority of Digital Assets“ auf die Selbstregulierung der Bitcoin-Branche.

Der Forscher David Andolfatto erläuterte in Frankfurt Überlegungen der amerikanischen Zentralbank, eine eigene Kryptowährung herauszubringen: An den US-Dollar fest 1:1 gekoppelte Fedcoins könnten die Blockchain-Vorteile nutzen, gleichzeitig aber das Geld unter der Kontrolle des Staates, beziehungsweise der großen Geschäftsbanken halten. Dafür, dass die anarchistische Anfangszeit von Bitcoin bald zu Ende sein könnte, spricht die Eröffnung des ersten staatlich genehmigten Bitcoin-Handelsplatzes zu Beginn dieses Jahres in den USA: Coinbase geht mit Beteiligung der New Yorker Börse NYSE an den Start.

Bitcoin-Geldscheine vom Kiosk

Unbeeindruckt von wilden Kurssprüngen und voreiligen Nachrufen dringen digitale Währungen derweil weiter in den Alltag vor. Im Jahr 2014 investierten Kapitalgeber mehr als 300 Millionen US-Dollar rund um Bitcoin. Der Axel-Springer-Verlag zum Beispiel beteiligte sich an dem Bezahldienst Satoshipay und an dem Start-Up Coyno, das Steuererklärungen für Bitcoin-Handel erleichtern soll. Die Bitcoin Suisse AG verkauft seit Herbst Zertifikate im Wert von 0,1 bis 10 Bitcoin, die in ihrem Innern die privaten Schlüssel ähnlich wie Kreditkarten-PINs verwahren.

In Österreich bieten seit Februar die Tabak-Kioske Bitcoin-Gutscheine für 25, 50 oder 100 Euro an. Eigentlich ist das archaische Speichermedium Papier ja widersinnig für virtuelles Geld – aber es ermöglicht eine Nutzung sogar ohne Computer. Noch ist das alles neu und unausgereift, warnt das Money Museum: „Es ist nicht empfehlenswert, Ersparnisse in Bitcoin anzulegen.“ Verschwinden wird die Idee aber nicht mehr, ist sich Conzett sicher: „Alternative Geldsysteme liegen im Trend. Und das ist erst der Anfang.“ mte

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