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    Das Blue Innovation Center
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    Valadez und seine vier Praktikanten
01.09.2017|Wohnen + Leben
Coworking-Space mit sozialer Ausrichtung

Das neue Cool

Chicago – Der Coworking-Space Blue 1647 in Chicago fördert Technik-Startups mit sozialer Ausrichtung. In wenigen Wochen wird Blue 1647 gleich mehrere Etagen im Künstlerhaus Lacuna beziehen, er wird dann einer der größten seiner Art sein.

Der Ausblick von der Dachterrasse ist atemberaubend: In ein wenig Entfernung entfaltet sich die Skyline der Downtown von Chicago in ihrer gesamten Breite, mitten drin der Willis Tower, das ehemals höchste Gebäude der Welt. Ein perfekter Platz zum Pause machen für die Startup-Gründer und Freelancer, die hier in Zukunft an ihren Projekten arbeiten werden. Hier oben können sie davon träumen, eines Tages ein Büro in einem der Wolkenkratzer zu mieten – wenn ihrem Unternehmen der große Durchbruch gelingt. In wenigen Wochen wird der Coworking-Space Blue 1647 gleich mehrere Etagen hier im Künstlerhaus Lacuna beziehen, er wird dann einer der größten seiner Art sein. Blue bietet nicht nur Gruppen- und Einzelarbeitsplätze für Selbständige und Gründer an, sondern auch Mentoringprogramme und Fortbildungen. So sollen vor allem Technik-Startups mit sozialer Ausrichtung gefördert werden.

Förderung von Startups

Startups wie das von James Valadez. Bis zum Umzug ins Künstlerhaus Lacuna arbeitet er noch in den alten Räumen von Blue 1647, die deutlich weniger luxuriös sind: Es gibt einen riesigen Raum ohne Fenster, in dem nur die bunten Wandbemalungen eines Künstlers für ein wenig Aufmunterung sorgen. Dazu ein paar Besprechungsräume und Schnittplätze im Keller, die Kreativen die Verarbeitung von Videos ermöglichen sollen. Valadez schaut gerade den vier Schülern über die Schulter, die er als Praktikanten mit der Programmierung seiner Website beauftragt hat. Durch sie spart er Kosten: Das ist wichtig, weil Valadez für sein Startkapital vorerst selbst aufkommen muss. „Und den Schülern gibt es die Chance, sich auszuprobieren und etwas dazu zu lernen‟ sagt Valadez. Seine Geschäftsidee ist „HelloNeighbor‟, eine Online-Plattform für die Vermittlung von Einzel-Dienstleistungen und Alltagshilfen für ältere Menschen.

In einem der Nebenräume beginnt in diesem Moment ein Speakers Workshop für Frauen, morgen findet wieder das „Coding für Latina girls‟ statt. An anderen Tagen gibt es Vorträge von erfolgreichen Unternehmern aus der Technikbranche. Die Kurse und Seminare sind speziell für diejenigen gedacht, denen ihr soziales Umfeld bei der Entdeckung technischer Fertigkeiten nicht immer die beste Förderung bietet. In den Workshops sollen sie ihre Talente entdecken. So wie Rakesh Das, der 19-Jährige kam vor drei Jahren über ein Praktikum zu Blue 1647. Sein Mathelehrer hatte ihn dorthin vermittelt. Nachdem sich Rakesh das Programmieren online selbst beigebracht hatte, konnte er seine Fähigkeiten in den Förderprogrammen von Blue weiterentwickeln. „Hier haben sie meinen Ehrgeiz erkannt und mich unterstützt‟, sagt Das. „Ich hatte vorher nie genug an mich geglaubt und hätte bestimmt aufgegeben.‟ Inzwischen ist er Teilhaber eines Startups und studiert Computerwissenschaften. In den ersten Kursen an der Uni habe er sich „zu Tode gelangweilt‟, erzählt Das, weil er das meiste schon wusste.

 

Cool ist, du selbst zu sein und etwas auf die Beine zu stellen

Viele der Freelancer hier arbeiten gleich an mehreren Projekten, so wie JanArt Winfrey. Er ist in einem der Problemviertel von Chicago aufgewachsen und war früher mal in einer Gang. Heute macht JanArt Kunst, Rap und Grafik-Design. Auf seinen Armen prangen riesige Tattoos, darunter sein Künstlername Joka, und ein Bibelvers, der besagt, dass man andere so behandeln sollte wie man selbst behandelt werden möchte. In seiner Freizeit arbeitet er in Präventionsprojekten zur Bandenkriminalität mit jungen Afro-Amerikanern aus dem Stadtteil, aus dem er selber stammt. Für sie will er ein Vorbild sein. Sein Label hat er „New Cool‟ getauft: „Damit möchte ich demonstrieren, dass es eine andere Art von Coolness gibt, als Gewalt und Kriminalität‟, sagt der Musiker. „Cool ist, du selbst zu sein und etwas auf die Beine zu stellen.‟

Rashad Sallee hat als Community Manager den Job, die Coworker bei Blue zu betreuen und miteinander zu vernetzen. Sallee erklärt, was Blue 1647 für ihn so besonders macht: „Es gibt hier eine tolle Mischung von Leuten.‟ Unter den Mitgliedern herrsche zudem „Respekt für jede Art von Religion, Rasse oder soziale Herkunft.‟ Die günstigste Mitgliedschaftsvariante bei Blue 1647 kostet gerade einmal 25 Dollar (etwa 22 Euro). Das soll sich auch vorerst in den neuen, komfortablen Räumen nicht ändern: „Wir wollen für jeden erschwinglich sein‟, sagt Rashad.

 

Mehr als ein geteiltes Büro

Dass Blue für seine Mitglieder tatsächlich weit mehr ist als ein geteiltes Büro, zeigen Videos, die Mitglieder unter dem Motto „Why Blue matters‟ auf Facebook eingestellt haben. Dort betonen sie das einzigartige Gemeinschaftsgefühl, durch dass sie sich aufgehoben fühlen wie in einer Familie.

Einige bedanken sich unter Tränen für die Unterstützung bei ihren Projekten.

Um das Angebot zu erweitern, werden nun in Zukunft die größeren Räume benötigt. Im Lacuna laufen derzeit die letzten Renovierungsarbeiten auf Hochtouren. Blue Senior Advisor Tracy Powell zeigt gerade zwei Frauen das Gebäude, die sich für einen Arbeitsplatz interessieren und versucht dabei, mit seiner Stimme den Bohrerlärm zu übertönen. Die Einrichtung besteht fast vollständig aus hellem Holz und Recyclematerialien. Aus Wassertanks wurden Raumteiler, eine alte U-Bahntür dient als Tischplatte. Eine Bank hatte dem Coworking-Space ihre alten Möbel zur Verfügung gestellt, „aber wir wollten hier drinnen natürlich keine Bankmöbel haben‟, sagt Powell und grinst. „Also wurde alles auseinander genommen und neu arrangiert.‟ So ist genau das entstanden, was es sein soll: Ein Arbeitsplatz für Kreative.

In den Fluren kann man Graffitis und Wandmalereien der Künstler bewundern, die auf den anderen Etagen arbeiten. Im Eventbereich stehen zwei Oldtimer, riesige bemalte Nashornskulpturen und eine Art Rezeption, die wie die altertümliche Vorstellungen einer Zeitmaschine gestaltet ist. Ein Café im Erdgeschoss bietet Bagels und geeisten Chai Tee für Coworking-Mitglieder zum Sonderpreis an.

Dass Blue in Zukunft unter demselben Dach wie Künstler und anderen Kreativen sein wird, ist eine Chance für die Mitglieder, sich zu vernetzen und auszutauschen. Insgesamt wird so eine der größten Coworking-Flächen der Welt entstehen. Trotz allem scheint Blue nach wie vor ein Geheimtipp zu sein, obwohl die Kosten deutlich unter denen für andere vergleichbare Angebote liegen. Blue 1647 ist allerdings auch nicht profitorientiert, und finanziert sich nur teilweise durch die Gebühren für Kurse und Raummieten. Dazu kommen Spenden und die Unterstützung durch Partnerorganisationen. Mehr Mitglieder wünsche man sich daher nicht um jeden Preis, sagt Senior Advisor Powell. Man wünsche sich solche, die zum Konzept passen.

„Wir wollen auch in Zukunft unser Gemeinschaftsgefühl erhalten und Unternehmen mit einer sozialen Ausrichtung fördern. Und die motivieren, die sonst vielleicht weniger Chancen als andere haben.‟

 

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