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    Carsten Rempp mit RückepferdToni
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    Das Rückepferd Toni im Wald
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    Singen-Überlingen am Ried Pferdehof Weltin
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    Carsten Rempp und seine Zugpferde Nero und Toni
03.07.2017|Mobilität
Arbeitspferde

Schritt-Tempo in die Zukunft

Arbeitspferde − Hü! Zugtiere sind in Forst- und Landwirtschaft wieder im Kommen: Pferde schonen den Boden, verbrauchen kein Erdöl und sind überhaupt sehr bio.

Am Eingang des Mercedes-Benz-Museums in Stuttgart steht ein Schimmel. Unter dem ausgestopften Vieh ist ein Zitat von Kaiser Wilhelm II. aus dem Jahr 1906 zu lesen: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Randerscheinung.“ Viele Besucher lachen. Dabei ist nicht so sicher, wer zuletzt wiehern wird. Förster und Bauern entdecken wieder die Kraft von Vierhufern. Pferde könnten jedenfalls so manchen Hersteller von Dieselmotoren überleben.

Nicht weit von den Autofabriken stapfen Carsten Rempp und sein Hengst Toni durch einen Ausläufer des Schwarzwalds bei Bondorf. Sie ziehen gefällte Bäume aus dem Dickicht, damit ein LKW sie abholen kann. „Toni arbeitet gerne“, versichert Rempp: „Schwere Kaltblüter wurden über Jahrhunderte für die Arbeit gezüchtet.“ Tatsächlich kommt bloß der Mensch ins Schwitzen: Die Stämme müssen erst gelockert und etwas angehoben werden, um die Zugkette zu befestigen – in der Zwischenzeit weidet das Pferd Fichtenzweige ab oder schaut Rehen hinterher. „Er strengt sich nicht sehr an“, meint Rempp: „Ein leichtes Pony müsste mit Muskelkraft arbeiten - Toni legt bloß sein Gewicht ins Geschirr.“

 

Pferdekraft kann profitabel sein

Kurze Zeit bringe so ein kräftiger Hengst bis zu 25 PS; länger könne er etwa 10 Prozent seines eigenen Körpergewichts ziehen. Nach spätestens vier Stunden brauche er eine Pause. „Toni ist ja mein Kollege, der darf nicht überlastet werden“, knufft ihn Rempp in die Seite. „Früher musste man alles mit Pferden machen, da wurden sie oft geplagt. Heute kann man sie optimal mit Maschinen kombinieren. Beim Pferd kann man aber nicht einfach auf einen Knopf drücken. Man muss mit dem Kopf schaffen und überlegen, was man macht. Es braucht Knowhow.“

Wie der Hengst auf Kommando durchs Gestrüpp steigt, rückwärts geht, mit Stämmen im Schlepptau um Bäume herumrangiert – das sieht aus wie ein Tanz. Wären aber Harvester, Seilwinde und Forwarder nicht doch überlegen? „Man darf die Rechnung nicht nur kurzfristig machen“, erläutert Rempp, ein Sprecher der deutschen Interessengemeinschaft Zugpferde (IGZ): „Große Maschinen zerstören den Waldboden. Sie brauchen alle 20 Meter breite Rückegassen, in denen keine Bäume wachsen können. Sie machen auch Schäden an der Rinde, wo dann Pilze eindringen.“ Pferdekraft im Forst sei keine Nostalgie, sondern spare bares Geld. Jedenfalls über kürzere Distanzen: Bei einem Rückegassen-Abstand von 40 Metern seien Pferde gut konkurrenzfähig.

 

Behutsam und akkurat

In den USA, wo Wälder meist im Privatbesitz sind, schaffen viele professionelle Holzrücker mit Pferden, erzählt Rempp. „In Baden-Württemberg kann davon nur einer leben; vielleicht 15 lassen – wie ich gerade – im Nebenerwerb Pferde arbeiten.“ Eine Schwierigkeit ist, dass die Tiere auch im Sommerhalbjahr eine Beschäftigung brauchen, wenn sie nicht im Wald arbeiten können. Toni wurde bislang für Kutschenfahrten engagiert. Heuer soll er bei einem Biobauern jobben.

Ob Ackergäule oder Brauereirösser, Grubenpferde in Bergwerken, Zugtiere für Kutschen, Kanalboote oder Kanonen: jahrhundertelang lief ohne natürliche PS fast nichts, waren Zugtiere allgegenwärtig. Noch im Zweiten Weltkrieg dienten Millionen Pferde. Ab den 1950er Jahren wurden dann aber Transport-, Land- und Forstwirtschaft in kurzer Zeit motorisiert. Gegen billiges Benzin und Diesel, in Westeuropa mit Mitteln des Marshall-Plans gefördert, konnten Arbeitspferde nichts ausrichten. Mit ihnen verschwanden auch zahlreiche spezialisierte Berufe und Handwerker, etwa Hufschmiede, Wagner und Sattler.

In Nischen behaupten sich Vierbeiner aber selbst in den Industrieländern. „Pferde sind unschlagbar, wenn es nicht auf Schnelligkeit ankommt, sondern auf präzises, bodenschonendes Arbeiten“, erklärt Rempp: „Zum Beispiel in Baumschulen, im Weinbau, zur Pflege von Wiesen und Naturschutzgebieten oder auf Gemüsefeldern. Da hat man auch gleich noch hochwertigen Dünger.“ Statt einen Traktor auf Schritt-Tempo zu drosseln, könnten Pferde besser Lauch anhäufeln, Möhren hacken oder Salat aussäen. Auf jeden Fall sei es viel effizienter, Biomasse direkt an Arbeitspferde zu verfüttern als daraus Biodiesel zu fabrizieren.

 

Betrieb mit Heu und Wasser

„Pferdekraft ist lokal erzeugte, erneuerbare Energie, unerschöpflich und umweltfreundlich“, wirbt Pit Schlechter, der Präsident der 2003 gegründeten Europäischen Föderation für Zugpferde (FECTU). Zu dieser Organisation mit Sitz in Luxemburg gehören 16 Vereine aus 13 Ländern von Portugal bis Polen, darunter auch die deutsche IGZ. Die mehr als 5.000 Mitglieder sympathisieren auch mit Zugrindern, Eseln, Maultieren und Zughunden. Elefanten und Wasserbüffel spielen bei uns kaum eine Rolle.

Seit dem Tiefpunkt um 1970 wächst in Westeuropa die Zahl der Pferde wieder. Selbst im Auto-wütigen Deutschland hat sie sich seither vervierfacht auf rund 1,2 Millionen; an die 300.000 Arbeitsplätze sollen nun daran hängen. Allerdings geht es dabei meist um Pferde für Sport und Freizeit. Die praktisch veranlagte IGZ hat lediglich 1.200 Mitglieder, davon rund 90 landwirtschaftliche Betriebe.

Bio-Bauern interessieren sich aber zunehmend für Arbeitspferde, berichtet Pit Schlechter. Nicht nur aus Image-Gründen und weil man geschlossene Kreisläufe anstrebt, sondern auch, weil ohne chemische Unkrautbekämpfung die Felder öfter befahren werden müssen – also im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft eine noch stärkere Bodenverdichtung droht.

 

Moderne Geräte sind oft zu schwer

In Frankreich bieten Landwirtschaftsschulen seit 2005 eine Ausbildung zum „utilisateur de chevaux attelés“ (Nutzer von angespannten Pferden) an. Nachgefragt wird sie weniger von Landwirten als von Gemeinden: Rund 300 französische Kommunen beschäftigen Pferde mit Grünflächen-Pflege, Müllabfuhr und anderen „services publics hippomobiles“. In Luxemburg helfen der Stadt Echternach fünf Ardenner-Pferde beim Rasenmähen und Pflanzengießen. Wenn sie im Stadtwald Holz rücken, ist das auch eine Attraktion für Touristen: Der Verkehrsverein veranstaltet dazu Führungen für Besucher.

Wer mit Pferden arbeiten will, hat ein Problem: Für alte Geräte gibt es kaum Ersatzteile, und moderne Hersteller denken meist nur an Traktoren mit Hunderten PS. „Schwer und billig kann jeder“, schnaubt Paul Schmit. Der Fachlehrer für Technische Mechanik im luxemburgischen Ettelbrück kaufte sich 1998 ein erstes Zugpferd, um im Nebenerwerb Land seiner Großeltern zu bewirtschaften. Woher passendes Zubehör nehmen?

Die Amischen in den USA, die Verbrennungsmotoren ablehnen, halten zwar dem Pferd die Treue und bauen für ihre durchaus prosperierenden Farmen neue Landmaschinen. Während man aber in Pennsylvania schon mal 12 Rösser vor einen Vierschar-Pflug spannt, sind derartige Fabrikate für Mitteleuropas Bedingungen schlicht zu groß. Paul Schmit fing daher an, selbst leichtzügige Arbeitsgeräte für Kleinbauern, Winzer und Gärtner zu entwickeln: „Auf kleinen Parzellen sind Einspänner mit angepasster Technik sehr effektiv.“

 

International vernetzte Kaltblut-Szene

Bei der „PferdeStark“, dem europäischen Kaltblut-Treffen bei Detmold, fand Schmit im Jahr 2007 einen Gleichgesinnten aus Verona: Albano Moscardo, Bio-Bauer und Ingenieur, hatte sich ebenfalls erst bei den Amischen umgesehen und dann selbst Kunststoff-Pflugscharen und  Hackmaschinen für Pferde gefertigt. Seither arbeiten die beiden zusammen an moderner Technologie für tierische Zugkraft. Beispielsweise entwickelten sie für die Luxemburger Forstverwaltung eine neue Farn-Walze. Da Großeltern mit Kummet-Kenntnissen mittlerweile selten sind, verfassten sie das Handbuch „Die Geschirre für Arbeitspferde“.

Schmit gründete 2013 den Verein Schaff mat Päerd, der Zaumzeug verbessert und an ergonomisch optimalen Arbeitsgeräten tüftelt. Mit Sensoren werden Kräfte und Belastungen gemessen; Datenlogger erfassen auch die Herzfrequenz der Pferde. Bei längerem Einsatz, etwa Feldarbeit an mehreren Tagen hintereinander, bringt ein mittelgroßer Ardenner eine durchschnittliche Leistung von 1,2 PS (0,88 kW), hat Schmit herausgefunden. Kurzfristig könne man mehr abverlangen, dann seien aber mehr Pausen nötig. Wenn ohne Scheuklappen und Metallgebisse gearbeitet und die Wirbelsäule nicht direkt belastet wird, sind die Pferde relaxter: „Das ist nicht nur eine Frage des Tierschutzes, sondern erhöht auch die Leistung.“

 

Neue Technik für Pferdestärken

Als immer mehr Bekannte die Prototypen auch haben wollten, gründete Moscardo die Firma Equi-Idea, die nun die Ergebnisse vermarktet. Da es für Pflügen und Bodenbearbeitung bereits genügend andere Hersteller gebe, konzentrieren sich die beiden auf Säen, Pflanzen und Dung-Verteilung. Bislang sind sieben Geräte erhältlich, etwa Heuschwader, Sä-Walzen und Kultivatoren. Geplant sind Kartoffelpflanzmaschinen, Balkenmäher und Transportwagen für Rundballen. „Ich sehe unsere Aktivitäten wie das Pflanzen von kleinen Bäumen“, schätzt Schmit die Chancen zurückhaltend ein: „Selbst werden wir die Ergebnisse kaum erleben.“

Das Comeback der Pferde könnte sich allerdings beschleunigen: In Urbach bei Schorndorf produziert der Ingenieur Frank Waibler kleine Vorderwagen, die als Adapter zwischen Zugtieren und schweren, eigentlich für Traktoren gebauten Geräten laufen können. Dabei ist auch Elektro-Unterstützung möglich. Bis sein Betrieb so groß wird wie die Mercedes-Benz-Werke im benachbarten Stuttgart, wird es voraussichtlich etwas dauern. Immerhin aber rechnen Techniker wieder mit Pferdestärken.

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