• Robert_Schleip_Fascial_Fitness_Association_GmbH_GWEN_Magazine.jpg
    Faszien-Forscher Robert Schleip
17.03.2015|Gesundheit
Rückenschmerzen

Faszinierende Fasern

Rückenschmerzen – Kaum jemand kennt sie, jeder hat sie: Die sogenannten Faszien sind in vielen Fällen Auslöser von Rückenleiden. GWEN-Autorin Ina Brzoska hat mit Robert Schleip, einem Pionier auf diesem Forschungsfeld, über die Bedeutung des Bindegewebes gesprochen.

GWEN-mag: Herr Schleip, wozu braucht der Mensch Faszien?

Schleip: Die Faszie ist ein wenig wie die Wurstpelle. Sie hält den Körper zusammen und gibt ihm Form. Wenn Sie die Faszienhüllen eines Muskels auflösen, zerläuft er wie Sirup. Ob der Oberarm straff oder wie Wackelpudding aussieht, hängt im Wesentlichen von der Spannung dieser Hülle ab.

GWEN-mag: Woraus bestehen Faszien?

Schleip: Aus unzähligen Lagen weißlicher Kollagenfasern, die aufeinander gleiten. Es ist eine Art Verpackungsmaterial, das unter der Haut liegt. Ein alles miteinander vernetzendes, faseriges Netz aus elastischem Bindegewebe, etwa 0,3 bis drei Millimeter dick. Oft gibt es zwei Faserrichtungen, die sich in einem ganz bestimmten Winkel kreuzen, deshalb sehen Faszien dann so aus wie eine elastische Damenstrumpfhose – zumindest, wenn sie gesund sind.

GWEN-mag: Woran merke ich, dass mein Bindegewebe schwächelt?

Schleip: Wenn Sie einen schwungvollen, federnden Laufstil haben, kann man davon ausgehen, dass auch die Faszien gut in Form sind. Aber wenn Sie das Gefühl haben, dass sich der Körper spröde oder teigig anfühlt, ist das kein gutes Zeichen. Bei Rückenschmerz-Patienten sehen wir bei Operationen oft, dass die Lendenfaszie aussieht wie ein Schlachtfeld.

GWEN-mag: Also ist das Bindegewebe schuld am Kreuzschmerz?

Schleip: In vielen Fällen vermutlich schon. Es ist bekannt, dass die Bandscheiben nur für eine geringe Anzahl von Rückenproblemen verantwortlich ist – vielleicht für 20 Prozent. Bei den anderen 80 Prozent tappen wir noch im Dunkeln. Als heißer Kandidat kommt jetzt die Lendenfaszie dazu. Sie ist reichlich mit freien Nervenendigungen bestückt und muss teilweise mehr Belastung aushalten als die Rückenmuskeln selbst. Die Faszie wartet quasi nur darauf, bei kleinsten Zerrverletzungen Schmerzen auszulösen.

GWEN-mag: Wo sitzt diese schmerzauslösende Faszie genau?

Schleip: Im Lendenwirbelbereich zwischen Rückenmuskulatur und Haut. Dort sitzt die Lumbalfaszie, eine dünn-ledrige Schicht, die den Rückenstreckmuskel unterstützt und gelegentlich sogar dessen Haltearbeit ersetzt – zum Beispiel, wenn Sie eine schwere Kiste heben. Bei vielen versagt die Lendenfaszie, weil dem Bindegewebe Kraft und Elastizität fehlt, um dem Muskel beim Vorbeugen einen Teil der Last abzunehmen.

GWEN-mag: Sie sprachen eben von Schlachtfeld. Wie sieht eine kranke Lendenfaszie aus?

Schleip: Es haben sich mikroskopisch kleine Risse und Entzündungen gebildet. Stellenweise ist das Gewebe verfilzt, unter dem Mikroskop sieht es so aus, als ob sich Spinnweben gebildet haben. An anderen Stellen ist das Bindegewebe viel zu dünn. Dann heben Sie einmal den Koffer, das ist die Rückenfaszie nicht gewohnt, und so kommt der kleine Riss da rein. Wenn diese Risse sich entzünden, verursacht das Schmerzen. Ärzte haben diese in den vergangenen Jahren viel zu häufig auf die Bandscheibe geschoben.

GWEN-mag: Ist es dann überhaupt sinnvoll, Bandscheiben zu operieren?

Diese Eingriffe sind sehr oft überflüssig. Oft haben die Leute danach sogar mehr Schmerzen als vorher. Vermutlich schädigen solche Operationen die Faszien, und dadurch verschlimmert sich der Rückenschmerz.

GWEN-mag: Es gibt aber Rückenpatienten, denen es nach einer Bandscheiben-OP besser geht.

Schleip: Sicher gibt es die aber das ist nur ein kleiner Prozentsatz. Es ist denkbar, dass die schmerzstillende Wirkung von etlichen Bandscheiben-OPs einfach nur in der partiellen Nervendurchtrennung zur Faszie entstanden ist. Wenn sich das nachweisen lässt, müssten Chirurgen nur die Unterhaut operieren und die Fasziennerven lahmlegen. Bis zur Bandscheibe müssen sie gar nicht mehr vordringen.

GWEN-mag: Warum wurde das Bindegewebe nicht schon eher erforscht?

Schleip: Weil man wenig quantitativ messen konnte. Bei Knochen konnten wir röntgen und um die Aktivität von Muskeln zu untersuchen, die Elektromyografie einsetzen. Bei den Faszien konnte immer nur der Osteopath oder der Rolfer sagen, wo es sich subjektiv hart anfühlt. Das war nicht befriedigend. Jetzt gibt es neue Messinstrumente, die nicht esoterisch sind, die uns im Reagenzglas und vor allem im hochauflösenden Ultraschall zeigen, wie sich die Faszien verhalten.

GWEN-mag: Warum verhärten die Faszien?

Schleip: Das ist vermutlich evolutionär bedingt. Denn früher war es wichtig, beim Kampf oder auf der Flucht eine hohe Grundspannung zu haben, um zu überleben. Die Versteifung bietet dann einen Schutzeffekt vor Verletzungen. Das spüren wir im Übrigen heute noch, etwa, wenn sich bei Stress der Nacken verhärtet. Kurzfristig macht das nichts, aber auf Dauer schädigt es die Faszien.

GWEN-mag: Warum?

Schleip: Weil das Bindegewebe dann dauerhaft versteift, hart und spröde wird. Unter ständiger Anspannung schüttet der Körper Botenstoffe aus, die zu einer langfristigen Verhärtung und Entzündung führen. Das kann auch das Immunsystem schädigen. Wir werden dann zum Beispiel anfälliger für Erkältungen oder im schlimmsten Fall für Autoimmunerkrankungen.

GWEN-mag: Was kann jeder Einzelne tun, um gar nicht erst Probleme mit den Faszien zu bekommen?

Schleip: Es gibt eine ganze Reihe von Übungen, die sich ganz einfach ins tägliche Fitnessprogramm integrieren lassen. Die bekannteste Trainingsvariante ist die Arbeit mit einer Faszienrolle aus festem Schaumstoff. Durch das Rollen lösen sich Verklebungen und Verdickungen, die Gewebe werden durchfeuchtet, der Körper wird beweglicher, das Körpergefühl verbessert sich, und eventuell vorhandene Schmerzen lassen nach. Die Übungen sollten Sie zwei- bis dreimal pro Woche wiederholen. So lässt sich innerhalb von sechs bis 24 Monaten ein vormals sprödes Netzwerk in einen resilienten Faszienkörper umbauen. Genaue Übungsanleitungen gibt es auf DVD oder in meinem Buch „Faszien Fitness“. Ich rate aber zu einem Einführungskurs bei einem zertifizierten Fascial-Fitness-Trainer.

GWEN-mag: Herr Schleip, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Widersprüchliche Studien

Hormonersatztherapie − Die Hormonersatztherapie verspricht Frauen Abhilfe bei Wechseljahresbeschwerden. Allerdings streiten die Experten noch darüber, ob die Behandlung wirklich ungefährlich ist.

Entspannt durch Anspannung

Progressive Muskelentspannung – Wenn der Körper locker lässt, tut das auch der Psyche gut. Die Muskelentspannung nach Jacobson hilft bei so unterschiedlichen Leiden wie Kopfschmerzen, Ängsten und Bluthochdruck.

Steiniger Weg

Cannabis-Medikamente – Seit Jahren fordern Patientenverbände und Mediziner die Legalisierung von Cannabis-Medikamenten als nachhaltigen Beitrag zur Patientenversorgung. Der Weg dahin ist zumindest in Deutschland steinig und lang.

© 2014 - 2016 GWEN Magazine